Neu: Horror Musica Demonica

Inzwischen erschienen: „Horror Musica Daemonica“, Fortsetzung der zuvor erschienenen Horror-Anthologie Horror Cinema Obscura, erneut herausgegeben und illustriert von Detlef Klewer (der zuverlässig ein Talent für die Auswahl guter Geschichten an den Tag legt, wie ich inzwischen wiederholt feststellen darf).

Musik ist rein und göttlichen Ursprungs. Oder etwa …nicht? Wie kommt es zur katastrophalen Folge einer Musikstunde?
Zu blutiger Raserei und mörderischen Exzessen? Bhurs unspielbarer, düsterer Melodie in Moll? Der Rückkehr des „Musicus Diaboli“? Der Existenz eines unheilvollen Cellobogens? Dämonischen Verträgen, fluchbelegten Melodien, okkulten Ritualgesängen und mysteriösen Klängen unbekannter Herkunft? Nonsens? Nun, Sie werden der geheimnisvollen Welt der Klänge bald schon mit anderen Ohren lauschen … Siebzehn Autoren widmen sich in der Anthologie „Horror Musica aemonica“ leidenschaftlich der Erzeugung wohliger Gruselschauer. Genüsslich wird dem nichtsahnenden Leser vor Augen geführt, welch
haarsträubende Abgründe im dunklen Nachklang der Musik lauern … Wir wünschen angenehme Gänsehaut und erschauderndes Vergnügen!

Einschließlich meiner Geschichte „Frau Kruses Sinfonie“.

276 Seiten / 14,90 €

Michael Tellinger und die Anunnaki in Afrika: Kritik

Die sumerischen Götter waren tatsächlich Außerirdische – das wissen wir spätestens seit Zecharia Sitchins Präastronautik-Klassiker “Der zwölfte Planet“. Anunnaki nannten die alten Sumerer und Babylonier diese Besucher, die vor über 400 000 Jahren von ihrem Heimatplaneten Nibiru, der auf einer elliptischen Umlaufbahn von 3 600 Jahren die Sonne umrundet, zur Erde kamen und dort mittels Gentechnik den modernen Menschen schufen, auf dass dieser an ihrer statt die Mühsal des Bergbaus ertrage. All dies geht aus den uralten Keilschrifttexten der Sumerer hervor – meint zumindest Sitchin. Und mittlerweile eine ganze Reihe weiterer selbsternannter Forscher, die den Mut fanden, auch gegen die Dogmen der ignoranten Schulwissenschaft den Geheimnissen der Anunnaki nachzuspüren.
Einer dieser Herren ist Michael Tellinger, nach Klappentext des Kopp-Verlages „Autor, Wissenschaftler und Forscher“, der gleich zwei Bücher zum Thema verfasste: In “Die Sklavenrasse der Götter“ erklärt er, wie die Anunnaki den sumerischen Tontafeln (sprich: den zweifelhaften Behauptungen Zecharia Sitchins) zufolge den Menschen als Arbeitssklaven schufen und ihm ein ganzes Paket genetischer Deformationen mit auf den Weg gaben, von denen Grausamkeit, Sklaverei und Gier nach Gold nur einige sind. Im zweiten Buch “Die afrikanischen Tempel der Anunnaki“ meint Tellinger sogar, die von Sitchin postulierten Goldminen und Monumente der Anunnaki in Südafrika gefunden zu haben, und präsentiert dem interessierten Leser stolz einen farbenfrohen Bildband voller uralter Steinkreise. Endlich die von uns allen ersehnte Offenbarung über die lange verheimlichten Ursprünge der Menschheit? Oder doch nur das wirre Werk eines Autors, der bestenfalls als drittklassiges Imitat eines in der Fachwelt verspotteten Pseudowissenschaftlers gelten kann? Die nähere Untersuchung der beiden Werke tendiert stark zu letzterem Urteil.

Im Falle dieser beiden Bücher war es mit einfachen Rezensionen nicht getan – zu groß ist das Ausmaß der darin zur Schau gestellten fachlichen Inkompetenz, zu leicht und verführerisch die gnadenlose Widerlegung durch die Wissenschaft. So entstand nach der Lektüre von „Die Sklavenrasse der Götter“ („Die afrikanischen Tempel der Anunnaki“ hatte ich schon zuvor gelesen und kommentiert) eine umfangreiche Replik – zu den Thesen der Bücher, der Methodik des Autors, seinen Fehlern und nicht zuletzt dem überschaubaren wissenschaftlichen Gehalt.

Herunterzuladen ist das 27-Seiten-Werk genau hier: Michael Tellinger und die Anunnaki in Afrika

Wie schon mein Artikel zum Serapeum von Sakkara soll auch dieser auf der Seite Mysteria3000 veröffentlicht werden, wenn auch der Länge wegen in drei Teilen – der erste ist bereits online:

Anunnaki in Afrika – die seltsame Welt des Michael Tellinger

Tore zur Unterwelt: Das Geheimnis der unterirdischen Gänge aus uralter Zeit

Unsere Welt birgt viele Rätsel. Doch kann es sein, dass in Österreich, also fast schon vor unserer Haustür, der Erdboden durchzogen ist von teils kilometerlangen Gängen, penibel in den harten Stein gehauen, so alt, dass niemand weiß, wer sie erbaut hat? Heinrich und Ingrid Kusch jedenfalls sind dieser Ansicht und haben dem mysteriösen Phänomen der „Erdställe“ ein hübsch aufgemachtes Buch gewidmet, „Tore zur Unterwelt“ (später folgte noch ein zweiter Band „Versiegelte Unterwelt“).
Und tatsächlich, das Werk macht auf den ersten Blick einen seriösen Eindruck: Keine Aliens oder andere plakative Thesen, nicht im Kopp-Verlag erschienen, die Autoren sind beides Wissenschaftler mit akademischer Vorgeschichte und Position.
Und in der Tat, das Phänomen der Erdställe ist real (was auch eigentlich niemand abstreitet). Unter zahlreichen Häusern insbesondere in der Steiermark finden sich niedrige Tunnel, oft mit engen Schlupflöchern, die geradewegs mitten hinein in den Fels führen. Schon seit über hundert Jahren wird darüber geforscht; die Wissenschaft favorisiert einen Ursprung als „Schutzräume“, in die sich die Bewohner etwa bei Überfällen zurückziehen konnten. Eine Annahme, die schwerlich der teils hunderte von Metern oder gar Kilometer langen Tunnel gerecht wird, die die Kuschs in ihrem Buch beschreiben, zumal sich aus dem Mittelalter keine schriftlichen Quellen zu ihrer Entstehung finden. Mehr noch, vor kurzem soll im alten Stift Vorau eine Karte aufgetaucht sein, die ein ganzes Tunnelsystem unter der Ortschaft skizziert. Und kann es ein Zufall sein, dass die weiten unterirdischen Tunnel sich mit zahlreichen darüber aufgestellten Lochsteinen, Menhiren der Megalithzeit, decken?
Wer das Buch so liest, ohne sich ganz genau auf alle Einzelheiten zu konzentrieren, der bekommt in der Tat den Eindruck, hier habe man ein archäologisches Rätsel aus grauer Vorzeit vor sich, das noch am ehesten von einer verschwunden Hochkultur zeugt, die es niemals gegeben haben dürfte. (Aliens? Atlantis? Zwerge? Das bleibt der eigenen Fantasie überlassen.) Doch bei näherer Betrachtung fallen einem gewisse Unstimmigkeiten auf. Worauf basiert die dreidimensionale Grafik der Gänge unter Stift Vorau, wenn diese doch, wie im Text erwähnt, alle mit Erdreich verfüllt und daher unzugänglich sind? Woher kennen die Autoren die Maße eines unterirdischen Raumes, der nur mit einer Bohrung angeschnitten wurde? Wieso gibt es keine trockenen Zahlen und unverständliche Bilanzen naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden wie Bodenradar oder Radiokarbondatierung?
Im Endeffekt stellt sich heraus, dass es sich bei dem gesamten Werk, obwohl schön aufgemacht mit den zahlreichen Fotos, um vollkommenen Murks handelt. Denn keiner der ewig langen, von den Kuschs so detailreich ausgemalten Gänge wurde wirklich betreten, geschweige denn mit wissenschaftlichen Methoden geortet. Vielmehr, das scheint im Buch nur peripher durch, wird jedoch durch Vorträge und andere Aussagen der Kuschs bestätigt, sind all diese Gänge mithilfe „radiästhetischer Untersuchungen“ – will heißen: mit der Wünschelrute – „gemutet“ worden. Im Klartext: Diese Gänge existieren nur in der Einbildung der Esoteriker, die an diese pseudowissenschaftliche Methode glauben. Es gibt keinerlei wissenschaftlichen Beleg – weder für die Länge der Gänge, noch ihren Zusammenhang mit den Lochsteinen, noch für ihr angebliches Alter, ja meistens nicht einmal für ihre Existenz. Aber was ist mit all den Fotos? Diese zeigen, teils ganz vermischt, verschiedene Gänge aus den letzten tausend Jahren, auf dem Cover etwa einen rund 300 Jahre alten, sprich neuzeitlichen, Wassergang. Die Erdställe indes, denn diese existieren tatsächlich, stammen aus dem Mittelalter, wie inzwischen durch Radiokarbondatierungen ziemlich zweifelsfrei erwiesen wurde, und sind nicht ansatzweise so lang und verzweigt wie die im Buch postulierten Gänge. Soweit die oberflächliche Kurzfassung der Fakten. Der Erdstallforscher Josef Weichenberger schrieb einen umfangreichen Kommentar zu dem Buch, in dem er dieses penibel auseinandernimmt, worauf zur näheren Beschäftigung verwiesen sei: http://www.erdstallforschung.at/?p=797
„Tore zur Unterwelt“ ist also ein pseudowissenschaftliches Buch – und gerade deshalb so verführerisch glaubwürdig auf den ersten Blick, weil es eben nicht mit plakativen Behauptungen von Aliens, Riesen und kosmischen Katastrophen hausieren geht wie die meisten Werke des Genres, und weil die pseudowissenschaftliche Methodik sich nur allzu leicht überlesen lässt. Der Autor Heinrich Kusch soll, wenn man verschiedenen Sekundärquellen im Internet glauben kann, auch einmal in einem Vortrag die Überzeugung geäußert haben, er werde infolge seiner Forschungen von vorzeitlichen Echsenmenschen verfolgt – doch davon merkt man kaum etwas im Buch selbst. Ein Werk, das lehrreich ist wie kaum ein anderes – wenn es um die Erkenntnis geht, wie leicht man durch ein Buch manipuliert werden kann.

Monstersärge und Pseudomumien – Kontroversen um ägyptische Stierbestattungen

Vor kurzem wurde mein erster Sachtext (außerhalb dieser Website) veröffentlicht! 

Die riesigen Steinsarkophage im Serapeum von Sakkara gelten der Geschichtswissenschaft als Begräbnisstätte der heiligen Apis-Stiere. Erich von Däniken und weitere Grenzwissenschaftler sind da anderer Ansicht, fand sich doch anstatt kompletter Stiermumien allenfalls eine bituminöse Masse voller zerbrochener Knochensplitter darin. Wurden im Serapeum etwa gefürchtete Mischwesen bestattet – oder gibt es eine naheliegendere Erklärung für solch groteske Bestattungsformen? 

Der Artikel entstand infolge eines Referates zu selbigem Thema, das ich in der Uni (Einführung in die ägyptische Archäologie und Denkmälerkunde) hielt – ergänzt durch einige zusätzliche Infos, die sich in der Zwischenzeit auftaten, nunmehr mit der Diskussion der grenzwissenschaftlichen Theorien im Zentrum. Bei der Suche nach einem geeigneten Medium zur Publikation stieß ich auf den kritischen Blog Mysteria3000, der den Text auch gleich veröffentlichte.

Hier online zu lesen:

Monstersärge und Pseudomumien

Und hier zum Download: Monstersärge und Pseudomumien

 

Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Egipto,_1882_“Sepulcro_de_Apis“_(20814894493).jpg

The HoaX-Files 1: Horror, Spuk und Bloody Mary

Schon seit langem betreiben Alexa und Alexander Waschkau (und nein, das sind keine Pseudonyme) den Podcast „Hoaxilla“, in dem sie modernen Legenden und anderen Mysterien auf den Grund gehen. Dies brachte schließlich auch ein erstes Buch hervor: „The HoaX-Files: Horror, Spuk und Bloody Mary“ (dem bereits ein zweiter Band folgte).
Der Stil des Buches ist innovativ – eine Reihe kurzer Sachtexte zu verschiedenen Themen wird verbunden durch eine fiktionale Geschichte, in der die Autoren selbst in einem mysteriösen Fall auftreten. Nett gemeint, aber … meinen Geschmack trifft es irgendwie nicht ganz. Die Episoden beider Textsorten sind stets ziemlich kurz, sodass man alle paar Seiten im Wechsel begriffen ist. Die Verbindungen sind dabei meistens sehr gewollt; die Sachabschnitte werden durch meist ziemlich nebensächliche, für die Handlung nicht relevante Aspekte eingeleitet. Überhaupt ist der fiktionale Teil eher schwach und unspektakulär – ohne wirkliche Spannung und auch ohne letztendliche Auflösung, ohne dem Zweck der Überleitungen noch der eigenen Geschichte wirklich gerecht zu werden.
Anders dagegen die Sachtext-Abschnitte – die sind eher ambivalent zu betrachten. Ein jeder bietet jedenfalls eine verständliche, allgemeine Darlegung eines bestimmten Themas – darunter finden sich beispielsweise der Geistertyp der Weißen Frau, der Chupacabras, die Legenden von Spring Heeled Jack und der Bloody Mary oder auch ein allgemeines Kapitel zum Thema Hexen, jeweils unterhaltsam doch sachlich aufgezogen. Anders als eingangs erwartet bieten aber nur wenige davon neue Erkenntnisse bzw. „Forschungsergebnisse“ in Form von Widerlegungen oder einer Analyse der Ursprünge. Dies gelingt ganz gut beim mit dem Chupacabras in Verbindung gebrachten Phänomen der mysteriösen Tierverstümmelungen oder auch jener skurrilen Geschichte von einem angeblichen Bohrloch zur Hölle. Hingegen wird etwa beim Slenderman oder dem Thema Hexen nur die allgemein etablierte Datenlage zusammengefasst, die einschlägig Interessierten tendenziell bekannt sein dürfte.
So bleibt am Ende letztendlich ein ganz nettes, durchaus unterhaltsames und kurzweiliges Buch, dem es aber (wenn man mit zu hohen Ansprüchen darangeht) doch an Substanz fehlt. Weder Sachtext noch Geschichte wird genug Raum für eine (meiner Meinung nach) ausreichende Entfaltung gegeben, die Legenden werden eher oberflächlich behandelt. Zu bemerken ist außerdem noch das gelegentliche Vorkommen von Kommafehlern und fehlenden Wörtern, was zwar das Leseerlebnis nicht nachhaltig trübt, aber doch negativ auffällt. Im Endeffekt also: Ein Buch, dessen Thema viel Potenzial hätte, das aber leider nur unzureichend ausgeschöpft wurde – eben doch nur ein Kompromiss zwischen zwei Genres anstatt einer konstruktiven Symbiose.

Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte

Ich dürfte nicht der einzige gewesen sein, der in seiner Kindheit Bücher über Dinosaurier durchblättert und fasziniert die lebhaften Bilder dieser ausgestorbenen Tiere betrachtet hat. Natürlich, kein solches Buch kommt ohne derartige Illustrationen aus, überall sehen wir farbenfroh rekonstruierte Urzeitwesen. Doch hinter all dem verbirgt sich, offensichtlich und doch selten bedacht, eine ganz andere Dimension – ein Zweig der Kunst nämlich, der der Darstellung prähistorischer Wesen gewidmet ist, geboren aus Fantasie und Wissenschaft, Imagination und Rekonstruktion – die Paläo-Art.
Zeit, dass sich jemand dieser Kunstform als solcher widmet – und zu unserem Glück hat es jemand getan, Herausgeberin Zoë Lescaze nämlich. „Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte“ heißt das monumentale Werk, das die Geschichte der prähistorischen Kunst der ganzen letzten zweihundert Jahre aufrollt.
Allein physisch handelt es sich um einen Prachtband – überdimensional groß, unter dem Schutzumschlag ein dicker Einband mit fast an Reptilienhaut gemahnender Oberfläche, dicke Seiten, mehrere überbreite Panoramagemälde zum Ausklappen. Der stolze Neupreis von 75€ ist da allzu verständlich, obgleich jeder Interessent natürlich selbst entscheiden muss, ob es ihm das wert ist.
Inhaltlich besticht das Werk durch eine lebendige Mischung aus Abdrucken der zahlreichen Gemälde und Text, der den historischen Rahmen wiedergibt. Es beginnt mit jener für uns völlig vergessenen Zeit des frühen Interesses an Fossilien, als sich noch niemand für Dinosaurier interessierte, während stattdessen pathetische Darstellungen kämpfender Ichthyo- und Plesiosaurier die Paläo-Kunst beherrschten. Direkt an den Kunstwerken selbst verfolgt das Buch schließlich die frühen Rekonstruktionsversuche von Dinosauriern, vom berühmten Iguanodon, der mehr an einen dicken Leguan mit gehörnter Nase erinnerte, über allzu aufrechte Raubdinosaurier bis hin zu den schon vertrauteren Darstellungen der letzten Jahrzehnte. Es ist eine Geschichte des wissenschaftlichen Fortschritts in der Paläontologie, der Hand in Hand geht mit der Metamorphose ebendieser Wesen, aber auch der wechselnden Kunststile und Persönlichkeiten. Man lernt die großen Künstler kennen, die das Genre prägten, samt ihren teils erstaunlichen Biographien und beeindruckendsten Werken, aber auch die historischen Rahmenbedingungen, die all dies hervorbrachten – seien es die skrupellosen „Bone Wars“ des amerikanischen Fosilienhypes, sei es auf der anderen Seite die Sowjetunion, in der die Paläo-Art, als einziges Kunstgenre von Repressionen und Beschränkungen verschont, eine fast vergessene Blütezeit erlebte. Jede Zeit, jede Kultur, jeder Autor hat einen anderen Zugang zu jenen nie lebendig gesehenen Dinosauriern, Meeresreptilien, Mammuts und Höhlenmenschen – von halb mythischen Darstellungen wie Könige thronender Dinosaurier in der Frühzeit, die bis heute beliebten Kampf- und Tötungsszenen, Heinrich Harders fast schon surrealistische Mosaike bis hin zum mitleidlos-lebendigen Pathos der Saurier und Urmenschen Zdeněk Burians.
Viele der abgedruckten Gemälde wurden nie zuvor reproduziert, ist doch ein Großteil des Korpus (prä)historischer Kunst inzwischen vergessen, unter Geschichte und wissenschaftlichem Fortschritt untergegangen, von der „hohen“ Kunstgeschichte übergangen und geringgeschätzt. Umso magischer ist die Welt, die Lescaze in diesem beeindruckenden Bildband wieder ins Bewusstsein ruft. Ihr Buch ist mehr als bloß Information und Unterhaltung – vielmehr ein Eintauchen in doppelt altehrwürdige Gefilde, das nicht nur Kindheitserinnerungen, sondern buchstäblich Ehrfurcht erweckt.

The First Fossile Hunters

Seit langem schon versuchte das mächtige Sparta, die Nachbarstadt Tegea zu erobern – erfolglos. Um Rat gefragt, erwiderte das Orakel von Delphi, Tegea werde erst dann fallen, wenn die Gebeine des Helden Orestes, Sohn des Agamemnon, gefunden und nach Sparta gebracht würden. Und tatsächlich fand man schließlich in Tegea einen Sarg von sieben Ellen Länge (ca. 3,3m), darin ein Skelett von ebensolcher Größe. Der Heros war gefunden, Sparta triumphierte.
Diese Geschichte, die der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, ist kein Einzelfall. Immer wieder, über die gesamte römisch-hellenistische Welt verstreut, tauchten im Laufe der Jahrhunderte riesige Knochen auf, die nur von vorzeitlichen Heroen, Riesen oder Ungeheuern stammen konnten. Haben sich die antiken Autoren all dies nur ausgedacht, ist all dies nur Mythos ohne realen Kern? Oder gab es, wie manche Grenzwissenschaftler behaupten, tatsächlich einst ein Geschlecht von Giganten auf der Erde?
In ihrem Buch „The First Fossile Hunters“ bietet Adrienne Mayor eine alternative Deutung an: Kann es nämlich ein Zufall sein, dass fast alle überlieferten Fundorte riesenhafter Knochen sich decken mit heute als solchen bekannten Fossillagerstätten? Wie dieses faszinierende Buch zeigt, waren Fossilien, die versteinerten Überreste vorzeitlicher Lebewesen, den alten Griechen und Römern alles andere als unbekannt – einzig die Deutung unterschied sich von der unseren.
So lassen sich die scheinbaren Heroengebeine mutmaßlich auf Überreste von Mammuts und Mastodonten zurückführen, die man mit etwas Kreativität nur allzu leicht in humanoider Stellung auslegen kann. Auf Samos indes berichtet sogar schon der Mythos, wohl inspiriert von riesenhaften Knochen in der Erde, von als Neaden bezeichneten Ungeheuern, die durch ihr lautes Geschrei den Erdboden spalteten und darin versanken. Am beeindruckendsten aber dürfte Adrienne Mayors Deutung des Greifen sein: Über Jahrhunderte gehörte dieses Fabelwesen, das im fernen Osten Gold bewachte, zum Weltbild der Griechen, ohne je Teil der Mythologie zu werden. Diese Überlieferungen dürften auf die Skythen zurückgehen, die schon damals bis in die fernen Weiten Asiens reisten und Handel trieben – bis in die Wüste Gobi, die nicht nur wertvolles Gold, sondern allzu oft auch Skelette des Dinosauriers Protoceratops freigibt. Wie die Autorin penibel darlegt, kann es kaum einen Zweifel an einer Verbindung der beiden vierbeinigen, mit Vogelschnäbeln ausgestatteten Geschöpfe geben.
Allzu oft müssen Historiker und Mythosforscher kapitulieren, wenn sie den letztendlichen Ursprung eines Mythos oder einer Sage suchen. „The First Fossile Hunters“ indes bietet allzu logische, fundierte – und außerdem spannende – Deutungsangebote, um zumindest einige der alten Überlieferungen zu dekonstruieren. Doch mehr noch – Mayor zeichnet außerdem ein faszinierendes Portrait des damaligen Umgangs mit fossilen Überresten. Es gab bereits Rekonstruktionsversuche und teils allzu wahrheitsgemäße Deutungen; auch das Konzept des Aussterbens von Arten ist kaum eine Erkenntnis der Neuzeit. Die römischen Kaiser Augustus und Tiberius stellten sogar buchstäblich ein Museum auf die Beine, um jene geheimnisvollen Relikte der Vorzeit zu sammeln.
Leider ist das Buch bislang nur auf Englisch erschienen, doch dieses ist eingängig und gut zu lesen. Zur Freude jedes wissenschaftlich interessierten Lesers werden die unzähligen Quellen penibel aufgelistet und sorgsam kommentiert (in Fußnoten, ohne den Lesefluss zu stören); sämtliche relevanten Stellen der Primärquellen sind im Anhang sogar noch gesondert gesammelt.
All dies ergibt letztlich eines der interessantesten mir bekannten Bücher zur Mythologie und alten Geschichte (kombiniert es doch mit Paläontologie und Altertumswissenschaft gleich zwei meiner zentralen Interessen) – ein Werk, das buchstäblich die Augen öffnet für eine ganz neue Dimension der Mythosforschung. Man kann nur hoffen, dieser Ansatz möge auch andere Forscher zur Neubetrachtung manch alter Quellen inspirieren. Die Ambitionen sollten sich wohl mobilisieren lassen – wer kann schon von sich behaupten, den Ursprung des Greifen entdeckt zu haben?