Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf

Im Jahr 1899 entdeckt der deutsche Bankierssohn und Orientreisende Max von Oppenheim auf dem Ruinenhügel von Tell Halaf in Syrien mehrere monumentale Statuen aus antiker Zeit. Seine Ausgrabungen, die er 1911-1913 und noch einmal 1929 durchführt, bescheren ihm Weltruhm. Nachdem eine Übernahme durch das Vorderasiatische Museum Berlin scheitert, werden die Figuren von Göttern, Löwen und Mischwesen ab 1930 im eigens dafür gegründeten Tell-Halaf-Museum ausgestellt. 1943 dann die Katastrophe – eine Fliegerbombe zerstört das gesamte Gebäude, die kostbaren Statuen werden durch Feuer und Löscharbeiten in zehntausende Teile zersprengt. Nach Oppenheims Tod 1946 geraten die Fragmente, nun unbeachtet in einem Keller des Pergamon-Museums lagernd, in Vergessenheit. Erst in den 2000er Jahren führte ein großangelegtes Projekt zur Wiederauferstehung der Kulturschätze – in siebenjähriger Fleißarbeit konnten fast alle der kostbaren Figuren einigermaßen wieder zusammengesetzt werden, worauf 2011 mit der Sonderausstellung „Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf“ eine publikumswirksame Präsentation im Vorderasiatischen Museum folgte. Während einige Stücke wie etwa das Doppelsitzbild und der Raubvogel bis heute neben den ähnlich beeindruckenden Funden aus Sam’al/Zincirli in der Dauerausstellung zu bewundern sind, wird der Rest – einschließlich des rekonstruierten Palasttores mit seinen drei monumentalen Götterstatuen – in den kommenden Jahren Teil des renovierten Pergamon-Museums werden.
Zu der Ausstellung erschien ein gleichnamiger Begleitband, mit 400 Seiten ein stolzes Werk (ein ansprechendes Hardcover ohne nervenden Schutzumschlag), in dem die Geschichte der Funde eingehend dargestellt wird.
Zunächst jedoch, bevor es zum Inhalt geht, was das Werk nicht ist: Ein Katalog der Ausstellung, wie man ihn hätte erwarten sollen, mit systematischer Aufstellung aller präsentierten Objekte mit Fotografien ihres heutigen Zustandes und individuellen Erläuterungen. Nicht umsonst wird der Band nicht als Katalog, sondern mit dem mir sonst unbekannten Titel „Begleitbuch“ beworben, denn all dies, was einen archäologischen Ausstellungskatalog eigentlich ausmacht, fehlt. Nur einige Objekte sind in ihrer heutigen Erscheinung abgebildet, viele (wie etwa die Skorpionvogelmenschen und Sphingen) leider überhaupt nicht, nur im Rahmen der Fotos zum Kontext immer wieder zu sehen. Überhaupt kommen die archäologischen Funde relativ kurz – kaum vierzig Seiten entfallen auf die eisenzeitliche und neolithische Besiedlung von Guzana, so der antike Name des Tell Halaf, wobei manches durchaus oberflächlich bleibt. Ebenfalls nur recht kurz beschrieben werden die beeindruckenden Funde vom Djebelet el-Beda (riesige Monolithstelen aus dem 3. Jt. v. Chr.), die ebenfalls zur im Tell-Halaf-Museum ausgestellten Oppenheim-Sammlung gehörten. Für eine etwas tiefere Behandlung der archäologischen Funde und Befunde ist eher der Katalog zur Ausstellung „Abenteuer Orient: Max von Oppenheim und seine Entdeckung des Tell Halaf“ zu empfehlen, die nach Ende der „geretteten Götter“ in Berlin die Figuren und weitere Objekte in Bonn zeigte. Auch dort kommt Djebelet el-Beda sehr kurz, dafür werden jedoch neben Tell Halaf auch noch die anderen späthethitisch-aramäischen Kleinstaaten wie etwa Sam’al angeschnitten und mit dem Tell Halaf verglichen. Bis ins letzte Detail analysiert werden die archäologischen (Be)Funde vom Tell Halaf schließlich in der zeitnah erschienenen Fachpublikation „Tell Halaf – Im Krieg zerstörte Denkmäler und ihre Restaurierung“, die schon für kostengünstige 129,95 € zu erwerben ist.
Nun aber zu dem, was das „Begleitbuch“ denn ist: Ein großartiges Panorama der bewegten Forschungsgeschichte rund um Max von Oppenheim und seine sensationellen Funden, die heute endlich wieder zu den Highlights vorderasiatischer Archäologie im deutschen Raum zählen. Insgesamt 47 Beiträge oft namhafter Autoren nähern sich verschiedenen Aspekten rund um die Person Max von Oppenheim, dessen Ausgrabungen in Syrien im Kontext ihrer Zeit, das Tell-Halaf-Museum und das moderne Rekonstruktionsprojekt. Dahinter steckt Fachwissen – überall, wo es möglich ist, arbeiten und zitieren die Autoren nach den manchmal publizierten, oft auch unveröffentlichten zeitgenössischen Aufzeichnungen wie Briefen und Tagebüchern, die interessante und intime Einblicke geben in die Archäologie vor nun fast hundert Jahren. Da ist zum einen der historische Kontext, die Orientbegeisterung der Deutschen um 1900, verkörpert nicht zuletzt durch den prestigeträchtigen Bau der Bagdadbahn und den archäologieinteressierten Kaiser Wilhelm II. persönlich, einen persönlichen Bekannten Oppenheims. Doch stellen die Beiträge nicht nur den einen berühmten Heros der Wissenschaft ins Zentrum – so widmen sich mehrere auch den zahlreichen anderen Beteiligten der Ausgrabungen mit ihren individuellen Biographien, von Ärzten und Architekten bis zu Fotografen, nicht zu vergessen die zahlreichen einheimischen Arbeiter, die Oppenheim jedes Mal wieder anheuerte. Lebendiger noch als in einem Roman vermag man sich in den Grabungsalltag hineinzuversetzen, für uns noch mehr eine andere Welt als für die damaligen Europäer. Es sind dann nicht nur Biographien und organisatorische Details, die die Darstellungen prägen, sondern nicht zuletzt auch die zahlreichen kuriosen Anekdoten, die Oppenheim & Co. gnädigerweise für die Nachwelt dokumentierten: Die regelmäßigen Beduinenüberfälle (die in der Regel mit Verweis auf den mit Oppenheim befreundeten Scheich abgewiesen wurden), die Überführung eines Diebes mithilfe eines reisenden Sufis, die mehr oder minder freiwillige Tätowierung des Arztes Ludwig Kohl oder dass der treue Architekt Felix Langenegger wegen seiner voluminösen Gesichtsdekoration von den Arbeitern den Spitznamen Abu schuarib, „Vater des Schnurrbartes“ bekam. Mehr noch als der frühen Eisenzeit ist das Buch also eine kulturhistorische Studie von Orient und Okzident Anfang des 20. Jahrhunderts in zahlreichen Facetten. Gerade der Stil des Sammelbandes hat somit Vorteile gegenüber einer Monographie, da somit zahlreiche einzelne Aspekte näher beleuchtet werden können, seien es nun der individuelle Bildhauer und der Fotograf für das Museum, die weniger bekannten naturkundlichen und islamischen Sammlungen Oppenheims oder auch der Blick der Restauratoren selbst auf das der Ausgrabung wohl ebenbürtige Wiederherstellungsprojekt der „geretteten Götter“. Nicht gespart wird bei den wohl hunderten zeitgenössischen Fotos, deren Bedeutung schon einst Max von Oppenheim und seine Zeitgenossen erkannt hatten (so kann man sich dann doch immerhin in Schwarzweiß ein gutes Bild der vielen Statuen machen, zumal noch im Zustand vor ihrer Zerstörung).
Mit den „geretteten Göttern aus dem Palast vom Tell Halaf“ ist der Wissenschaft nicht nur ein womöglich singuläres Restaurationsprojekt gelungen, sondern auch ein schier monumentales Begleitbuch, das einen breiten, wissenschaftlich fundierten und durchaus unterhaltsamen Einblick in die Forschungsgeschichte dieses interessanten Ausgrabungskomplexes gewährt. Biographie Max von Oppenheims und zahlreicher anderer heute vergessener Personen, Mentalitätspanorama und Ethnologie letztlich dreier Kulturkreise und schließlich die Geschichte der Funde selbst – zwar noch immer kein Ausstellungskatalog, aber in anderer Hinsicht viel mehr als das, ein Highlight in Sachen Wissenschaftsgeschichte.

Sam’al – Ein aramäischer Stadtstaat des 10. bis 8. Jhs. v. Chr. und die Geschichte seiner Erforschung

Besucht man heute das Pergamon-Museum in Berlin, so kann man dort im syrisch-kleinasiatischen Saal eine Reihe beeindruckender Statuen bestaunen: Vier steinerne Löwen bilden das rekonstruierte Tor, zu beiden Seiten flankiert von kunstvoll gemeißelten Reliefplatten mit Abbildern von Göttern und Mischwesen. In der Mitte eine Säulenbasis aus zwei gedrungenen Sphingen, weiter hinten erhebt sich mit 2,85 Metern Höhe die Monumentalstatue des Wettergottes Hadad. Schon auf halbem Weg zu den assyrischen Stücken steht die über drei Meter hohe Stele des Assyrerkönigs Asarhaddon, auch sie gehört in das Ensemble. Es sind die Funde aus dem früheisenzeitlichen Stadtstaat von Sam’al in der heutigen Türkei, einem der Glanzlichter der frühen deutschen Ausgrabungen im Orient.
Anders als Babylon, Pergamon und Assur ist dies kein Name, dessen bloßer Klang bunte Visionen früherer Epochen heraufbeschwört, obgleich doch die Monumente jenen bekannten Stätten in nichts nachstehen. Eine kompakte und solide Einführung, trotz geringem Umfang durchaus mehr als ein einfacher Katalog, bietet das Büchlein mit dem etwas sperrigen Titel „Sam’al – Ein aramäischer Stadtstaat des 10. bis 8. Jhs. v. Chr. und die Geschichte seiner Erforschung“ von Ralf-B. Wartke.
Im Zentrum steht die Geschichte der Ausgrabungen in Zincirli/Sendschirli, so der moderne türkische Name des Siedlungshügels. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war zwischen den europäischen Mächten ein eifersüchtiger Wettstreit in der Erforschung des Alten Orients – und somit der Beschaffung möglichst beeindruckender Exponate für die Nationalmuseen – entbrannt. Den Vorsprung, den England und Frankreich mit der Entdeckung der großartigen assyrischen Paläste und ihrer monumentalen Statuen wie Orthostaten an den Tag gelegt hatten, versuchte das scheinbar abgehängte Deutschland mit der Gründung eines Orient-Comités 1888 aufzuholen. Noch lange vor den berühmten deutschen Ausgrabungen in Babylon, Assur und am Tell Halaf fiel die Entscheidung für die erste große Grabung auf Zincirli in der südöstlichen Türkei. Noch im selben Jahr führte Felix von Luschan eine erste Grabungskampagne durch, der 1890-91 zwei weitere, eine vierte 1894, und 1902 eine fünfte und letzte folgten. Die steinernen Monumente, die zwischen Deutschem und Osmanischen Reich aufgeteilt wurden und bis heute die Museen in Berlin und Istanbul schmücken, setzten dem für immer mit Sam’al verbundenen Felix von Luschan ein unsterbliches Denkmal. Nicht zuletzt anhand zahlreicher Originalzitate und zeitgenössischer Fotos gelingt es dem Büchlein, diese Ausgrabungen in der frühen Hochphase deutscher Orientbegeisterung anschaulich wieder zum Leben zu erwecken, von der Person von Luschans bis zum Arbeitsalltag bei den Grabungen. Besonders interessant ist nicht zuletzt der Vergleich zwischen den Objekte in ihrer heutigen Form und den Fotografien und Berichten vom Zeitpunkt der Ausgrabungen: Hier der in zwei Teilen im Gelände liegend aufgefundene Kopf der Hadad-Statue, dort die Löwen und Sphingen, die nahezu unbeschädigt geborgen wurden und dann zum Abtransport zersägt werden mussten, was man den Figuren noch heute in der musealen Präsentation mehr (Istanbul – ausgehöhlte Steinlöwen vor dem Eingang als besserer Blumentopf zweckentfremdet) oder weniger (Berlin – geschickt in die Wand eingebaut) gut ansieht. Mehr als in anderen Katalogen merkt man, wie viel Geschichte in den individuellen Exponaten steckt, die mit ihrem Begräbnis im orientalischen Wüstensand gerade einmal begonnen hatte. So stellt das Buch auch bildreich die frühe Geschichte des Berliner Vorderasiatischen Museums dar, dessen Einrichtung durch die Funde aus Zincirli maßgeblich geprägt wurde, wobei deren Präsentation mit dem rekonstruierten Burgtor doch trotz der Zerwürfnisse von Krieg und deutscher Teilung von den 30er Jahren bis zum gerade in der Realisierung befindlichen „Masterplan Museumsinsel“ eine bemerkenswerte Konstanz zeigt.
Ein weiterer Abschnitt nach der umfangreichen Forschungsgeschichte widmet sich der Geschichte der Stadt Sam’al selbst, wie sie sich aus den Inschriften auf ebenjenen monumentalen Bildwerken rekonstruieren lässt. Wir sehen hier – nicht unähnlich dem durch eine allzu ähnliche Forschungsgeschichte gekennzeichneten Tell Halaf – einen der zahlreichen aramäischen Stadtstaaten des frühen 1. Jt. v. Chr., die im Schatten des immer mehr erstarkenden neuassyrischen Reiches Aufstieg und Niedergang erlebten. Nach einer prosperierenden Zeit als Vasall des Großreiches unter mehreren Königen wie Panamuwa und Barrākib wurde Sam’al schließlich endgültig Provinz Assyriens, wovon nicht zuletzt die riesige Stele des Asarhaddon zeugt. Mehrere der für die Erforschung so wichtigen Inschriften der Monumente sind hierbei in vollem Wortlaut in Übersetzung wiedergegeben. Nachdem bereits zuvor die Forschungsgeschichte maßgeblich im Zeichen der steinernen Monumente stand, ist diesen noch ein kurzer eigener Abschnitt mit Abbildungen in Katalogart gewidmet, ein weiterer gilt den zahlreichen Kleinfunden, zu denen neben einem gut erhaltenen Spielbrett auch ein nicht ganz so kleiner großer Kessel und ein heute leider größtenteils verschollener Sarkophag gehören. Schlussendlich folgt noch ein knapper Überblick über das in den Inschriften entgegentretende Götterpantheon der antiken Stadt Sam’al.
Trotz nicht einmal ganz 100 Seiten bietet das Büchlein eine großartige Einführung zu den archäologischen Funden von Sam’al, im Zentrum die lebendig herausgearbeitete Forschungsgeschichte. Obwohl unzweifelhaft als Begleitband für das Pergamon-Museum erschienen, wird auch den heute in Istanbul befindlichen Objekten in Bild und Wort der ihnen zustehende Platz eingeräumt. So vereinigen sich knapp und doch durch Bilder und Originalquellen sehr anschaulich gleich drei interessante Aspekte: Die altorientalische Stadt selbst, die frühe Orientforschung um 1900 und die Hintergründe der heute museal präsentierten Objekte im Speziellen.

Neue Links in der Wunderkammer (II)

Gibt es noch immer Pterosaurier oder Plesiosaurier auf der Erde, wo diese doch seit 65 Millionen Jahren ausgestorben sein sollten? Sahen die alten Ägypter zur Zeit Thutmosis III. wirklich ein UFO? Und weshalb berichten mehrere antike Quellen unabhängig voneinander von geflügelten Schlangen, die die arabische Wüste östlich von Ägypten heimsuchen sollen? Die nachfolgenden Artikel bringen Licht ins Dunkel.

Lebende Pterosaurier (umfangreiche Kritik von Glen Kuban)

Adamsbrücke (Frontline-Artikel von R. Ramachandran)

Freiberger Kohleschädel (Artikel von André Kramer bei Mysteria3000)

Zuiyo-maru-Kadaver (Artikel von Glen Kuban)

Tulli-Papyrus / UFO-Sichtungen unter Thutmosis III. (Dokumentation von Ulrich Magin)

Hühnermensch von Waldenburg (Artikel von André Kramer bei Mysteria3000)

Geflügelte Schlangen von Arabien (Artikel von Karen Radner)

Neue Links in der Wunderkammer

In letzter Zeit habe ich dem Wunderkammer-Lexikon eine ganze Reihe von Links zu einschlägigen Artikeln hinzugefügt, die grenzwissenschaftliche Thesen dekonstruieren. Hier noch einmal zur Übersicht:

Osireion von Abydos (Artikel von Jason Colavito)

Bosnische Pyramiden (verschiedene Artikel von Irna)

Raumschiff des Hesekiel (Artikel von Ulrich Magin bei Mysteria3000)

Unterirdische Stadt von Moberly (Artikel & Quellen bei Jason Colavito)

Stegosaurus von Ta Prohm (siehe Artikel von Glen Kuban)

Moab Man / Malachite Man (Artikel von Glen Kuban)

Paluxy-River-Fußspuren (verschiedene Artikel von Glen Kuban)

Eolithen (Kritik von Martin Neukamm)

Erdställe (siehe Kritik von Josef Weichenberger)

Dorchester Pot (Analyse von Irna)

Abydos-Hieroglyphen (Artikel von Markus Pezold bei Mysteria3000)

Wunderkammer der Kulturgeschichte jetzt mit Direktlinks

In der Rubrik „Wunderkammer der Kulturgeschichte“ habe ich eine kleine Änderung des Konzepts vorgenommen: Bislang schrieb ich für jedes grenzwissenschaftliche Thema einen eigenen Beitrag, auch wenn sich dieser im Wesentlichen auf die Zusammenfassung einer einzelnen Quelle beschränkte (z.B. Kernbohrungen in Ägypten, kreidezeitlicher Menschenfinger und Handabdruck). In der Tat existieren für viele solche Themen bereits aufwendige wissenschaftliche Repliken (de facto: Widerlegungen), die den Gegenstand vollumfassend diskutieren – und mitunter zu komplex sind für eine kurze Zusammenfassung mit Wiedergabe der Beweisführungen. Solche Erörterungen, die im Internet zugänglich sind, werden von nun an direkt per Link in die beiden Überblicksseiten Lexikon von A-Z und Lexikon nach Herkunft/Thema eingebunden, ohne den Umweg über eine unnötige eigene Paraphrase. Dies wird einen raschen Ausbau des Lexikons in seinem Sinn als Nachschlagewerk ermöglichen.

Den Anfang machen zwei ausgezeichnete Artikel zu interessanten Themen:

Markus Pezold von Mysteria3000 erklärt, wie die Hieroglyphen im Tempel von Abydos zustande kommen, die an Darstellungen moderner Fahrzeuge gemahnen (hier).

Der Erdstallforscher Josef Weichenberger wiederum setzte sich eingehend mit den Thesen aus Heinrich & Ingrid Kuschs Buch Tore zur Unterwelt auseinander, dem zufolge im Raum der Steiermark kilometerlange Gangsysteme aus grauer Vorzeit existieren sollen (hier).

Weitere Links folgen in nächster Zeit.

Als der Mensch die Kunst erfand

Vor etwa 40.000 Jahren tauchte in der menschlichen Geschichte zum ersten Mal etwa auf, das heute aus unserer Kultur nicht mehr wegzudenken ist: Figürliche Kunst. Die ältesten solcher Relikte entstammen den Höhlen der Schwäbischen Alb und umfassen solch berühmte Stücke wie die „Venus vom Hohlefels“ und den „Löwenmenschen von Hohlestein-Stadel“. 2017 erschien als großformatiger Überblicksband zu den Funden das Buch „Als der Mensch die Kunst erfand“ im Theiss-Verlag, das 2019 erneut als überarbeitete und nun kostengünstigere Jubiläumsausgabe (mit orangenem Rand!) erschien. (Anders als etwa das im gleichen Zug neu erschienene Kelten-Buch handelt es sich bei letzterer jedoch noch immer um ein Hardcover.)
Auf nicht ganz 200 Seiten geben Nicholas J. Conard und Claus-Joachim Kind einen umfassenden und gut verständlichen Überblick über die spektakulären archäologischen Funde aus dem Aurignacien, jener Kulturstufe der Eiszeit vor etwa 30 – 40 000 Jahren: Am bekanntesten ist zweifellos der in der Stadel-Höhle des Hohlensteins gefundene Löwenmensch, der nach mehrfacher Restaurierung und Auslandstournee inzwischen wieder im Stadtmuseum Ulm zu bestaunen ist – mit etwa 31 cm Höhe die mit Abstand größte paläolithische Figur der Schwäbischen Alb. Zwei kleinere, weniger bekannte Figurinen zeigen ähnliche Mischwesen mit Menschenkörper und Löwenkopf. Rekordhalter als weltweit älteste figürliche Menschendarstellung ist die adipöse „Venus“ von jenem Berg, der je nach Quelle wahlweise als Hohler Fels, Hohlefels oder Hohle Fels bezeichnet wird. Nicht weniger beeindruckend bleiben zweifellos die zahlreichen Tierdarstellungen vom Vogelherd und anderen Höhlen des Ach- und des Lohnetals – die beeindruckendsten darunter mehrere Höhlenlöwen, das auch auf dem Cover abgebildete „Vogelherdpferd“, eine meisterhaft geformte Ente oder Gans sowie mehrere realistisch gearbeitete Mammuts, die die Lebendgestalt jener berühmten Riesen des Eiszeitalters vor Augen führen. Eine weitere bemerkenswerte Fundgattung stellen mehrere Flöten aus Knochen und Elfenbein dar, die ältesten erhaltenen Musikinstrumente der Welt.

Als der Mensch die Kunst erfand
Das Buch lässt keines der zahlreichen Kunstobjekte aus, sondern widmet allen eine zumindest kurze Beschreibung samt hochwertigen Fotos, aufgeteilt nach den verschiedenen Höhlen. Ein nicht weniger großer Teil ist Ausführungen zum Kontext gewidmet – der Forschungsgeschichte, Fragen und Diskussionen der wissenschaftlichen Interpretation sowie den kleineren Befunden wie etwa einer Reihe von Schmuckperlen. Zumindest kurz behandelt werden auch die interessanten menschlichen Skelettreste aus verschiedenen Zeiten (u.a. Neandertaler, Mesolithikum und Neolithikum), die in mehreren Höhlen gefunden wurden und teils erstaunliche Forschungsgeschichten nach sich zogen (aktuell auch Thema der Ausstellung „Tod im Tal des Löwenmenschen“ im örtlichen Museum Blaubeuren). Weiteres Wissen um die Hintergründe der urgeschichtlichen Archäologie ist zum Verständnis des Buches eigentlich nicht vonnöten – in einem umfangreichen Einleitungsapparat werden noch einmal zusammenfassend das Phänomen der Eiszeit und die menschliche Entwicklungsgeschichte bis zum Jungpaläolithikum erläutert. Während dies ganz offensichtlich auf ein breites Publikum abzielt, behält die Darstellung der im Zentrum stehenden Funde der Schwäbischen Alb einen verständlichen und gleichzeitig recht präzisen Stil, der Laien und Vorgebildete gleichermaßen begeistern dürfte. So steht dann am Ende auch noch eine Literaturliste mit gleichsam wissenschaftlichen wie populärwissenschaftlichen Titeln zum Weiterlesen.
Unbestreitbar – die Eiszeithöhlen der Schwäbischen Alb sind eine der bedeutendsten paläolithischen Fundlandschaften nicht nur Deutschlands, sondern weltweit. „Als der Mensch die Kunst erfand“ bietet einen hervorragenden Überblick über nicht nur alle bedeutsamen Funde der Region, durch hervorragende Bilder in Szene gesetzt, sondern auch den Kontext, in dem sie entstanden, wiederentdeckt wurden und betrachtet werden müssen.

Riesenfinger von Bir Hooker

1988 machte der Schweizer Diskothekenausstatter und Mysterybegeisterte Gregor Spörri in Ägypten eine rätselhafte Entdeckung. Nachdem ein Experiment, hypothetische Kräfte in der Cheops-Pyramide zu aktivieren, erfolglos verlaufen war, kam er in Kontakt mit dem Barkeeper seines Hotels, der einer Familie von Grabräubern entstammte und Spörri für einen Antiquitätenhändler hielt. Dieser organisierte ihm ein Taxi zu seinem Onkel Nagib, welcher nahe der kleinen Siedlung Bir Hooker bei Sadat City lebte. Gegen einen Obolus von 300 Dollar – nur zu zahlen, wenn das Versprochene ihm sein Geld wert sei – zeigte Nagib Spörri ein Objekt aus dem Nachlass seines Vaters, das er als einziges nie zu verkaufen beabsichtigte. Es handelte sich hierbei um einen mumifizierten Finger – von menschlicher Gestalt, doch insgesamt 38,4 cm lang, weitaus größer als jedes Glied menschlichen Ursprungs. Spörri durfte den Finger zwar nicht erwerben, doch wurde ihm erlaubt, diesen in der Hand zu halten und (mit einem Geldschein als Maßstab) zu fotografieren. Weiterhin zeigte Nagib ein Röntgenbild sowie ein „Echtheitszertifikat“, die angeblich in den 60er Jahren in einem Spital in Kairo angefertigt worden waren; auch diese konnte Spörri abfotografieren.
Nach seiner Rückkehr in die Heimat stieß Spörri mit seinen Nachforschungen auf Ablehnung, woraufhin er diese lange nicht weiterverfolgte. 2012 veröffentlichte er den fiktionalen Science-Fiction-Roman Lost God, in dem er die Erlebnisse aufgriff und so erneut ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Bei einer erneuten Reise nach Ägypten konnte er das Bauernhaus von Nagib nicht mehr wiederfinden – die Gegend in der Nähe von Bir Hooker war bereits Anfang der 90er Jahre überbaut worden und das mysteriöse Erbstück somit im Dunkel der Geschichte verschwunden.1

Diskussion. Die Annahme einer Fälschung des Objekts aus monetären Gründen liegt nahe, doch fehlen dafür konkrete Belege. Da das Relikt selbst unglücklicherweise nicht mehr auffindbar ist, muss sich der Versuch einer Deutung auf die Handvoll Fotos beschränken, die Spörri 1988 schoss (u.a. oben/unten). Offenbar gehen alle in einschlägigen Berichten zu dem Finger vorliegenden Informationen auf die Publikationen Spörris (Roman, Website, mehrere Artikel in Magazinen) zurück – so auch die einzigen skeptischen Stimmen.
Mit der Bitte um eine Diagnose kontaktierte Spörri den Schweizer Mumienexperten Frank Rühli, welcher bereits die Gletschermumie Ötzi sowie die Mumie des Tutanchamun untersuchte, sowie den bekannten Kriminalbiologen Mark Benecke. Beide stimmen darin überein, dass eine sichere Beurteilung allein anhand der Fotos nicht möglich sei, und ziehen als denkbare alternative Erklärung einen etwa durch Makrodaktylie krankhaft vergrößerten Finger in Betracht. Rühli merkt jedoch den extrem dickwandig erscheinenden Knochen an, welcher eher an einen Tierknochen erinnere. Beide schließen eine Fälschung nicht aus, bei der es sich jedoch um eine „sehr gut gemachte Arbeit“ handeln müsse (Rühli).2
Gegen eine Erklärung durch Makrodaktylie führt Spörri die korrekten Proportionen des Fingers und insbesondere des Knochens an – in solchen krankhaften Fällen seien die vergrößerten Weichteile eines Gliedes in der Regel deutlich deformiert, während der Knochen eine normale Größe behalte.2 Bis auf Weiteres ist der Fall also als ungeklärt zu betrachten, da sich der Nachweis von Fälschung, Fehlinterpretation oder Authentizität aktuell jeder Belegbarkeit entzieht.

Gesondert zu bewerten sind die von Spörri (und anderen grenzwissenschaftlichen Rezipienten) vertretenen Theorien zum weiteren Kontext vorzeitlicher Riesen. Neben mythologischen Berichten (u.a. dem Alten Testament) sowie Berichten über mutmaßliche Funde von Riesenskeletten3 führt Spörri unter anderem auch das einschlägig bekannte Serapeum von Sakkara an – zwar ohne Erwähnung der aufschlussreichen Apisstelen, jedoch nicht mit der in einschlägigen Publikationen häufigen, auf Erich von Däniken zurückgehenden Falschdarstellung der Befunde.

Ü 1Luc Bürgin: Das Relikt von Bir Hooker. Mysteries 5/2010, 19-22.

Ü Luc Bürgin: Die Monster-Kralle von Bir Hooker. Mysteries 2/2012, 10-15.

Gregor Spörri: Das Relikt von Bir Hooker: Die Entdeckung.

2 Gregor Spörri: Das Rlikt von Bir Hooker: Analysen.

3 Gregor Spörri: Berichte über Riesen.

4 Gregor Spörri: Die Gruft der Riesen in Sakkara.

R Gregor Spörri: Lost God. Das Jüngste Gericht. Z-Productions 2018. (hier Rezension)

R Reinhard Habeck, Wesen, die es nicht geben dürfte (173-178) / Jason Mason, Mein Vater war ein MiB (299 f) / Umfangreiche Bibliographie HIER

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Gregor Spörri.

Lost God – Das Jüngste Gericht

Im Jahr 1988 machte Gregor Spörri in Ägypten eine rätselhafte Entdeckung, die sein Leben verändern sollte: Ein alter Araber namens Nagib zeigte ihm ein Objekt, das sich seit Generationen im Familienbesitz befinde – allem Anschein nach der mumifizierte Finger eines Riesen
Längst hat der mysteriöse Fund, der nie wieder aufgespürt werden konnte, Eingang in das Pantheon grenzwissenschaftlicher Theorien rund um die biblischen Nephilim und außerirdische Besucher in der Vorzeit gefunden. Obwohl er selbst eine derartige gewagte Deutung unterstützt, verzichtete Spörri angesichts des Fehlens sicherer Daten auf eine Publikation als Sachbuch – und verarbeitete das Erlebnis stattdessen als Teil eines Romans. 2012 erschien „Lost God – Tag der Verdammnis“, 2018 in überarbeiteter Form erneut veröffentlicht als „Lost God – Das Jüngste Gericht“.

Im Erdorbit wird ein rätselhaftes Objekt ausgemacht, das nicht von der Erde zu stammen scheint. Erste Fotos zeigen ein halbmondförmiges Symbol darauf, das militante Islamisten als Ankündigung der nahenden Apokalypse interpretieren und zum letzten Kampf aufrufen. Während die menschliche Gesellschaft zunehmend in Chaos verfällt, lässt die amerikanische Regierung ein altes Space Shuttle reaktivieren, um eine Astronautenmannschaft zum mutmaßlichen Raumschiff hinaufzuschicken und dem Spuk ein Ende zu bereiten. Derweil landen riesige Kugeln, gewaltige Zerstörung anrichtend, auf der Erde und stellen Wissenschaftler vor ein Rätsel. So muss schon bald der eilig herbeizitierte Erich von Däniken einem überforderten Präsident Trump erklären, dass es sich keinesfalls um den ersten Besuch einer außerirdischen Macht auf der Erde handelt – doch keiner von beiden vermag das Folgende zu ahnen, sind die scheinbar primitiven Sonden doch nur Vorbote des nahenden Weltuntergangs …

Obwohl als Erstlingswerk im Eigenverlag veröffentlicht, gelingt Spörri doch auf Anhieb ein beachtlich spannender Science-Fiction-Thriller. Ständig wechseln die Perspektiven – wiederum häufig genug, dass man nicht aus der Handlung rausgeworfen wird – und bewirken so ein rasantes Erzähltempo, das keine Pausen lässt. Dabei bleibt trotzdem noch Platz für eine Menge hintergründiger Informationen: Relativ zu Beginn wird im erwähnten Präsidenten-Briefing die Grundannahme der Präastronautik skizziert – hier wahrscheinlich weniger als Imitation als vielmehr ernst gemeint, so oder so aber eine authentische Wiedergabe der einschlägigen Argumentationen von Däniken & Co. Auch der eingangs erwähnte reale Fund wurde so mit einer fiktiven, aber passenden Hintergrundstory ausgestattet, auch wenn dieser Handlungsstrang eigentlich nur einen Nebenaspekt der Haupthandlung darstellt. Viel Sorgfalt verwendete Spörri ganz offensichtlich auf die Raumschiffdarstellungen – sowohl das technisch authentisch dargestellte Space Shuttle wie auch die außerirdischen, darunter das – bei aller Übertreibung – doch möglichst sinnvoll konstruierte Mutterschiff. Zu den spannendsten Passagen gehören tatsächlich die Untersuchung und Interpretation der außerirdischen Kugelschiffe, bei denen die detailverliebte Detektivarbeit dann doch zu gänzlich unerwartetem Ergebnis führt. Wie die außerirdischen Aggressoren am Ende dargestellt werden, ist auf verstörende und doch allzu weltliche Art an die Himmelsbeschreibungen im apokryphen Buch Henoch angelehnt, dem Vorbild gegenüber schrecklich folgerichtig und doch gar nicht dem zu erwartenden Bild entsprechend. Schließlich enthält das Buch ein nicht geringes Maß an satirischen Aspekten und auch Selbstironie – sich selbst lässt Spörri ganz nebensächlich ums Leben kommen, Erich von Däniken erlebt seine erste desillusionierende Begegnung mit einer nichtmenschlichen Lebensform – und Donald Trump entspricht leider ziemlich seinem realen Vorbild.
„Lost God“ ist ohne Zweifel ein unkonventioneller Roman – teils fast schon trashige Science-Fiction in eher schlichtem Stil kombiniert mit allzu durchdachten technischen Überlegungen, der ziemlich ernst gemeinten Adaption realer grenzwissenschaftlicher Thesen und eigener Erlebnisse sowie mancher teils satirischen Kritik unserer heutigen sozialen Verhältnisse. Irgendwie ergibt das alles ein rundes Ganzes, das den Leser wirklich bis zur dramatischen letzten Seite gespannt mitreißt – die kurzweilige Lektüre lohnt sich für Fans von Science-Fiction und/oder gewagten Alien-Theorien auf jeden Fall.

Die normale Ausgabe des Buches ist über Amazon, signierte Exemplare zudem über die Seite von Gregor Spörri erhältlich.

Triassischer Riesenkrake

Die auffällig deponierten Wirbelknochen des Shonisaurus U (MacMenamin 2016, 137 / Fig. 9.3)

2011 präsentierte der Paläontologe Mark McMenamin auf der Jahresversammlung der Geological Society of America in Minneapolis eine unglaublich scheinende Theorie: Im Trias-Zeitalter (ca. 252 – 201 Mio. Jahre v. u. Z.) habe es eine Art von Riesenkraken gegeben, die die bislang größten bekannten Meeresreptilien der damaligen Zeit jagten und offenbar ein bemerkenswertes Maß an Intelligenz aufwiesen.
McMenamin hat sich nicht nur als Professor für Geologie am Mount Holyoke College in South Hardley (Massachusetts) und als Paläontologe auf dem Gebiet der Kambrischen Explosion und Ediacara-Fauna einen Namen gemacht, sondern auch durch unkonventionelle bis gewagte Theorien etwa bezüglich numismatischer Evidenzen für eine Präsenz der antiken Karthager in Amerika. Seine Kraken-Hypothese, 2011 erstmals in einem Artikel und später ausführlicher in seiner Monographie Dynamic Paleontology erläutert, gründet sich auf inzwischen zwei Fossilfunde in der Luning-Formation des Berlin-Ichthyosaur State Park in Nevada.
Der Fund von insgesamt neun Exemplaren des bis zu 14 m langen Ichthyosauriers Shonisaurus popularis warf bereits bei der Entdeckung Anfang der 50er Jahre die Frage nach der Ursache für solch eine Ansammlung auf. Die Erklärung des Finders Charles L. Camp, es handle sich bei den fossilen Individuen um eine massenhafte Strandung, konnte durch neuere Forschungen widerlegt werden, da es sich bei der fraglichen Schicht nicht um Küsten-, sondern vielmehr Tiefseeboden handelte.2:136 Eine andere alternative Idee geht von einer Vergiftung der Tiere durch eine Algenblüte aus – eine bekannte Todesursache für Meereswirbeltiere, auch wenn dies im vorliegenden Fall ohne konkreten Beleg bleibt. Dagegen spreche jedoch neben der Betroffenheit nur einer einzigen Spezies die enge Anhäufung im tiefen Wasser, die bei einer Vergiftung in oberen Wasserschichten unwahrscheinlich erscheint – solcherart verendete Wale tendieren vielmehr zu einer weiteren Verstreuung.2:142f McMenamin führt den Tod der großen Ichthyosaurier hingegen auf einen noch größeren Beutegreifer zurück – einen Kraken:

We hypothesize that the shonisaurs were killed and carried to the site by an enormous Triassic cephalopod, a “kraken,” with estimated length of approximately 30 m, twice that of the modern Colossal Squid Mesonychoteuthis. In this scenario, shonisaurs were ambushed by a Triassic kraken, drowned, and dumped on a midden like that of a modern octopus.1/2:133

Die zunächst angenommene Größe des Tintenfisches von 30 m wurde von MacMenamin später relativiert; den Aussagen in Dynamic Paleontology zufolge könne es sich auch um einen Kraken von etwa derselben Größe seines Opfers (d. h. ca. 14 m) gehandelt haben.2:145
Das zentrale Indiz für diese „Riesenkraken-Hypothese“ stellt noch vor der ungeklärten Todesursache der Meeressaurier eine ominöse Anordnung von Wirbelknochen des Shonisaurus-Exemplars U (links) dar, die schwerlich auf natürliche Prozesse zurückzuführen sei und vielmehr vom Spielverhalten eines großen Kopffüßers zeuge. Mehr noch, spekulierte McMenamin, erinnere die Komposition aus zwei parallelen Reihen der runden Wirbelknochen an die Anordnung der Saugnäpfe am Arm eines Oktopus – als Erzeugnis eines erstaunlich intelligenten Tieres sei sie also möglicherweise das älteste „Selbstportrait“ eines Lebewesens überhaupt.

The proposed Triassic kraken, which could have been the most intelligent invertebrate ever, arranged the vertebral discs in biserial patterns, with individual pieces nesting in a fitted fashion as if they were part of a puzzle. The arranged vertebrae resemble the pattern of sucker discs on a cephalopod tentacle, with each amphicoelous vertebra strongly resembling a coleoid sucker. Thus the tessellated vertebral disc pavement may represent the earliest known self-portrait.”1:2:133

Das Verhalten, etwa Haie zu töten und bei deren Zerfleischung mit dem Schnabel die „abgenagte“ Wirbelsäule übrig zu lassen, sei von modernen Oktopoden durchaus belegt – und auch für teils komplexe Arrangements von Objekten wie etwa den Überresten von Muscheln und Krabben gebe es dokumentierte Beispiele.2:151f                  

Wenig überraschend stieß die Kraken-Hypothese auf ein beträchtliches mediales Echo, insbesondere in Online-Medien, wobei tendenziell ein skeptischer Ton überwiegt (etwa hier, hier und hier). 2013 wurde MacMenamin vom Ausstellungsmanager des Nevada State Museums Thomas Dyer auf ein weiteres Fossil eines Shonisaurus aufmerksam gemacht, das Jahre zuvor im exakten Zustand seiner Auffindung in einer Ausstellung gezeigt worden war (unten).2:145f Die Anordnung der fossilen Überreste scheint die Riesenkraken-Hypothese zu bestätigen: Auch hier wurde eine Gruppe gebrochener Wirbel in zwei parallelen Reihen deutlich entfernt vom übrigen Skelett aufgefunden, seitlich des Brustkorbes ist zudem eine auffällige Häufung von Knochenstücken zu erkennen. Dreieckige Einschnitte an den Wirbeln könnten vom Schnabel eines Tintenfisches herrühren.2:149f Die Rippen des Tieres wiesen infolge einer mutmaßlichen Zusammenstauchung auf beiden Seiten Brüche auf.2:147-49
Später (in der Monographie fehlt die Erwähnung noch) stieß McMenamin im Berlin-Ichthyosaur State Park in der Tat auf ein steinernes Objekt, bei dem es sich (anhand des Vergleichs mit dem Schnabel eines modernen Humboldt-Kalmars) um den Schnabel eines triassischen Tintenfischs handeln könnte – allerdings ist dessen Identifikation als solcher unsicher und der Zustand zu fragmentarisch, um eine konkrete Größenschätzung vorzunehmen.3

Nach McMenamins Berechnungen zufolge tendiert die Wahrscheinlichkeit einer Entstehung des Wirbelmusters bei Exemplar U durch natürliche Strömungen gegen Null, da es sich bei der beobachteten Formation um eine „hydrodynamisch instabile Anordnung“ handle, die durch solche Strömungen, die in der Lage sind, einen einzigen Wirbelknochen zu bewegen, mit statistischer Sicherheit zerstört werden würde.2:140 Wenn folglich Strömungen vorlagen, die die Formation hätten erzeugen können, so hätten sie diese auch zwangläufig wieder auseinandergetrieben.
Der Paläontologe David Fastovsky jedoch wendet dagegen ein, das angewandte Rechenverfahren sei vollkommen ungeeignet, die Bewegungen schwerer Wirbelknochen auf dem Meeresgrund zuverlässig zu simulieren; vielmehr lasse sich deren Anordnung problemlos durch das Auseinanderfallen der zunächst festen Wirbelsäule erklären. Auch sei das Verhalten des räuberischen Riesentintenfischs insofern unglaubwürdig, dass heutige Oktopusse ihre Abfälle eben nicht in systematischen Mustern aufschichten und auch große Kopffüßer vielmehr Beute großer Wirbeltiere (Pottwale) seien und nicht deren Jäger.3

Nach MacMenamin hingegen sei die Kraken-Hypothese die beste und bislang einzige Erklärung für gleich mehrere sonst unerklärliche Befunde: Die Akkumulation von neun Shonisauriern an einem Tiefseegrund ohne Spuren anderer Lebewesen, das in zwei Fällen beobachtete Arrangement von Wirbelknochen in einem durch natürliche Faktoren höchst unwahrscheinlichen Muster sowie die Rippenbrüche und auffällig konzentrierten Kleinknochen des zweiten Exemplars. Zu trennen ist die Zurückführung der Befunde auf einen prähistorischen Cephalopoden wiederum von der gewagteren Interpretation der Wirbel als Abbild von dessen Saugnäpfen.2:138 Das zentrale Gegenargument gegen die Hypothese bleibt hierbei nach wie vor die noch dünne Beleglage angesichts einer großen Behauptung, die nach Ansicht vieler eine solche Deutung der Befunde nicht rechtfertige – zumal keine Fossilien des mutmaßlichen Riesenkraken selbst vorliegen. Die beste Möglichkeit zur Verifizierung der Hypothese liegt somit darin, einen erhalten gebliebenen Schnabel (oder je nach Art andere fossilisierte Hartteile) des „Kraken“ zu finden.2:151

Plan des Shonisaurus-Skeletts in einer Ausstellung des Nevada State Museums, zeichnerische Rekonstruktion anhand von Fotos der Ausstellung (McMenamin 2016, 148 / Fig. 9.9)

T 1Mark. A. S. McMenamin / Dianna L. Schulte McMenamin: Triassic Kraken: The Berlin Ichthyosaur death asemblage interpreted as a giant cephalopod midden. Geological Society of America Abstracts with Programs 43/5, 310.

T Mark A. S. MecMenamin: Unusual Arrangement of Bones at Ichthyosaur State Park in Nevada. 21st Century Science & Technology 24/4 (2011-2012), 55-58.

T 2Mark A.S. McMenamin: Dynamic Paleontology. Using Quantification and Other Tools to Decipher the History of Life. Springer, Basel 2016, 131-158.

B McMenamin 2016, Fig. 9.3, Fig. 9.9

GD 3 LiveScience: Kraken Fossil ‘Evidence’ Revives Debate Over Ancient Sea Monster’s Existence