Skulduggery Pleaant 10: Auferstehung

Eigentlich sah es so aus, als sei Derek Landys großartige Fantasy-Reihe „Skulduggery Pleasant“ nach Band 10 („Das Sterben des Lichts“) beendet. Doch dann erschien unerwartet noch ein Teil mit dem wohl mehr selbstreferentiellen als inhaltlich bedingten Titel „Auferstehung“.
Dieser elfte Band nun spielt mehrere Jahre nach dem letzten – Protagonistin Walküre kehrt nach längerer Abwesenheit wieder nach Irland zurück, noch immer traumatisiert von ihren vorigen Erlebnissen. Wie zu erwarten, zieht Skulduggery sie gegen ihren Willen in einen neuen Fall hinein: Eine Gruppe skrupelloser und gefährlicher Magier will allem Anschein nach einen Krieg mit den Sterblichen provozieren und darüber hinaus einen längst vergessenen Feind reaktivieren. Die Protagonisten ziehen schließlich noch den vierzehnjährigen Schüler Omen Darkly aus Roarhaven hinzu – zunächst nur für eine kleine Aufgabe, doch wie zu erwarten bleibt es nicht dabei.
Man kommt natürlich nicht darum herum, diesen Band mit den vorigen zu vergleichen. Während der Stil mit den oft amüsanten Dialogen ebenso wie das grundlegende Setting gleich bleiben, fällt schließlich vor allem eines auf: Dieser Teil lässt sich deutlich mehr Zeit als die vorigen – anders als jene handelt es sich nicht erneut um eine weitgehend abgeschlossene Geschichte, sondern vielmehr um den Auftakt zu weiteren Bänden. Insofern (Verzeihung für den Spoiler) ist hier nicht mit einer letztendlichen Auflösung zu rechnen. Man kann zwar schwerlich von Längen sprechen, denn das Buch liest sich sehr wohl flüssig und durchweg unterhaltsam, doch nicht ganz so dynamisch wie die vielen Teile zuvor.
Es gibt zahlreiche interessante neue Charaktere und Thematiken, die die Welt der Bücher durchaus bereichern. Nur Omen Darkly (der womöglich als neuer Hauptprotagonist aufgebaut werden soll?) bleibt relativ eindimensional; er entspricht weitgehend dem Stereotyp des fachlich und sozial erfolglosen Zauberschülers, der unter seiner Bedeutungslosigkeit leidet, was leider allzu oft thematisiert wird – schade. Ein wenig vermisste ich auch die epischen Auseinandersetzungen, die sich in den letzten Bänden mit netter Regelmäßigkeit fanden, doch was das angeht, dürfte auf die kommende Fortsetzung wohl wieder Verlass sein.
Das alles zusammen ergibt ein hervorragendes, gerne zu lesendes Buch, dessen Qualität aber doch hinter den anderen Bänden zurückbleibt. Doch was das angeht, dürfte man wohl mittlerweile auch etwas verwöhnt sein – ich habe schon schlechteren Büchern fünf Sterne bei Amazon gegeben.

Origin

„Origin“ ist das neueste Werk von Dan Brown und der fünfte Teil seiner Robert-Langdon-Reihe (nach „Illuminati“, „Sakrileg“, „Das verlorene Symbol“ und „Inferno“). Kernpunkt der Handlung diesmal – nicht weniger als die vielleicht größte Erkenntnis der Wissenschaftsgeschichte, die alle Religionen in ihren Grundfesten erschüttern soll. Das zumindest verspricht der geniale Futurologe und Atheist Edmond Kirsch, doch seine große Präsentation wird unerwartet unterbrochen. Nun ist wieder einmal Robert Langdon, selbst langjähriger Freund Kirschs, gefragt – im Wettlauf gegen die Zeit, Polizei und Killer auf den Fersen, versucht er auf eigene Faust das revolutionäre Geheimnis zu lüften …

Mit dieser Konstellation funktioniert „Origin“ ganz klar nach demselben Erfolgsrezept wie alle vorigen Bücher des Autors: Eine atemlose Schnitzeljagd zwischen (Kunst-)Geschichte und modernen Themen, die schon an Science-Fiction grenzen, haufenweise gut recherchierte Hintergründe zu beidem, eine extrem verdichtete Handlung mit mehreren Schauplätzen, natürlich Intrigen und Verschwörungen (bis hinauf ins spanische Königshaus), wie immer der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft mit einem Kernthema, das nicht spektakulär genug sein kann – und natürlich manch erschreckender Plot-Twist am Ende. Es hat seinen Grund, dass dieses Konzept einen Bestseller nach dem anderen hervorgebracht hat – und auch dieses Mal funktioniert es. Flüssig und hochspannend lesen sich die 672 Seiten dahin, großartige Unterhaltung von der ersten bis zur letzten Seite.
Auf der negativen Seite stehen dagegen eher Kleinigkeiten: Etwa dass Langdon (und somit indirekt der Autor?) diesmal nur allzu deutlich Position für einen Ausgleich zwischen Religion und Wissenschaft bezieht und beide als gleichberechtigte Alternativen mit jeweiligen Extremisten darstellt . Auch fehlen praktisch vollkommen Bezüge zur Handlung der vorherigen Bände, auch dort, wo sich diese eigentlich zwangsläufig ergeben sollten. Man kann sich auch fragen, weshalb bei einem Hardcover für stolze 28 € nicht einmal ein Lesebändchen drin ist, aber da kann der Autor ja nichts für. Kein Kritikpunkt für mich sind indes die teils sehr umfangreichen Informationspassagen – das ist Geschmackssache, doch meinen Geschmack trifft es. Nicht zuletzt wäre da natürlich der Aspekt, der eigentlich vielmehr als Genialität zu betrachten ist: Es ist oft genug fast unmöglich, zwischen Fakt und Fiktion zu unterscheiden. Mehr noch als die Leser dürfte sich allenfalls die spanische Tourismusbranche über das Werk freuen, das einem manch bislang unbekannte Sehenswürdigkeit schmackhaft macht.

Festa Special

Dass der Festa-Verlag für vieles abseits des Mainstreams zu haben ist, dürfte hinlänglich bekannt sein, finden sich dort doch gleichsam vergessene Perlen der Lovecraft-Tradition und zahlreiche der extremsten Werke des modernen Horrors. Trotzdem überraschend kam die Veröffentlichung des „Festa Specials“ – ein kostenloser, limitierter Band mit drei Novellen als Geschenk für alle Abonnenten und notorischen Festa-Leser.
Das Buch selbst ist allerdings alles andere als ein billiges Werbegeschenk, sondern ein vollwertiger und schnell liebgewonnener Teil jeder Festa-Sammlung. Die zweihundert Seiten mit großer Schrift lesen sich schnell weg, doch diese Zeit ist durchaus ein Genuss. Vertreten sind in dem Band drei im Verlag längst etablierte Autoren mit je einer mittellangen Geschichte: „Auge um Auge“ ist ein relativ konventioneller Kurzkrimi aus Graham Mastertons Katie-Maguire-Reihe (aber völlig unabhängig von dieser lesbar) – für die geringe Länge, die die Komplexität der Handlung natürlich einschränkt, absolut solide, darüber hinaus mit einem durchaus amüsanten Ende. Darauf folgt Tim Millers „Wir sind alle verrückt hier“ – eine gnadenlose Horror-Splatter-Adaption der bekannten Geschichte von Alice im Wunderland, nicht trotz sondern wegen des Trash-Faktors herrlich unterhaltsam. Die größte Überraschung indes bietet die dritte Geschichte „Die Ordner“ von Edward Lee. Dieser Autor, eigentlich bekannt für alle Niveaugrenzen sprengenden Ekel-Horror, beweist unerwartet seine literarische Vieleitigkeit. Zugegeben, das Verständnis der Geschichte ist nicht leicht, wenn überhaupt vollkommen möglich – Lee schmeißt scheinbar zusammenhanglos Szene an Szene und jongliert dabei gleichsam mit Stil und Inhalt, nur unterschwellig zeichnet sich das gemeinsame Thema ab. Eine etwas explizitere Ausführung hätte ich geschätzt, doch irgendwie übt schon diese Version eine erstaunliche Faszination aus und lässt größeres – literarisch wie inhaltlich – erahnen. So verschieden diese drei Geschichten auch sind, irgendwie haben sie alle ihren Reiz. Von wegen „Was nichts kostet, ist nichts wert“ – das „Festa Special“ erweist sich als wahre Perle düsterer Literatur. Ein hervorragender Schachzug des Verlages, um sich langfristig die Treue der Kernleserschaft zu sichern – zur großen Freude ebendieser. Daran können sich andere Verleger ein Beispiel nehmen.

Gute Drachen sind rar: Drei Aufsätze

J. R. R. Tolkien ist weltbekannt als Autor der Fantasy-Klassiker „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ – weniger bekannt ist, dass der Linguist und Philologe auch so einige akademische Publikationen hinterlassen hat. Drei seiner Aufsätze (offensichtlich so ziemlich die einzigen auf Deutsch veröffentlichten) vereint der Band „Gute Drachen sind rar“:
Der erste Text ist ein Vortrag über sein „heimliches Laster“, das Erfinden von Sprachen. So einiges hört man einerseits über die bekannten Elbensprachen, die Tolkien im Erwachsenenalter erfand, darüber hinaus jedoch auch über frühere Kreationen, in die er in seiner Jugendzeit involviert war. Der zweite Aufsatz „Über Märchen“ ist tatsächlich viel mehr als das: Eine Abhandlung nicht nur über die Tradition von Feengeschichten („fairy tales“) in der englischen Kultur, sondern auch über Phantastik allgemein. Sehr interessant natürlich die historischen Aspekte, auch die Aussagen zur vielzitierten Beziehung zwischen Märchen und Kindern – weite Teile indes sind eher zäh, wenn es um Fantasie im Allgemeinen geht. Tolkien zeigt hier, dass er trotz allen Fachwissens im Geiste mindestens ebenso sehr ein Romantiker wie ein Wissenschaftler war. Schließlich wäre da noch der dritte Text „Die Ungeheuer und ihre Kritiker“, Tolkiens brillanter Aufsatz zur Interpretation des Beowulf-Epos. Was zunächst ähnlich romantisch scheint, wenn er entgegen allen Fachkollegen für eine völlige Neubetrachtung des Epos, nämlich in erster Linie als Gedicht und als Ganzes, plädiert, zeigt sich schließlich als durchaus kulturhistorisch fundiert. Präzise und lebendig bringt Tolkien einem die Umstände der Entstehungszeit des Beowulf nahe und sorgt für ein in vielerlei Weise tieferes Verständnis des legendären angelsächsischen Heldengedichts.
„Gute Drachen sind rar“ hat natürlich wenig zu tun mit den beliebten Mittelerde-Erzählungen. Manchmal hat das Buch auch durchaus Längen und wird etwas zäh – doch die Kombination aus poetischer Sprache und wissenschaftlichem Inhalt macht es zu einer nur allzu lohnenden Lektüre für jene mit Interesse an mythologischen Themen.

Kurt Tucholski: Das große Lesebuch

Ich hatte zuvor noch nie etwas von Kurt Tucholski gelesen, allenfalls kontextlos den Namen gehört – so war „Das große Lesebuch“ aus der Reihe Fischer Klassik das erste seiner Werke, das mir unter die Augen kam. Freilich – Herr Tucholski selbst hätte sicher einiges zu sagen gehabt zu diesem Titel, ist das Buch doch mit knapp über 300 Seiten nicht allzu groß. Und wofür, wenn nicht zum Lesen, mag ein Buch sonst gut sein? Ist es eine Betonung wert, dass dieses Buch nicht zum Essen oder durch die Luft werfen da ist?
Was den Inhalt angeht, bleibt das Werk indes ein Grund zur Begeisterung. Eine beträchtliche Ansammlung kurzer Texte (meist nur wenige Seiten lang) enthält der Band – ein paar Erzählungen und Dialogszenen, größtenteils jedoch kurze, satirische Sachtexte sozialkritischen Inhalts. Und darin behandelt Tucholski alles mögliche: Die groteske Einstellung der Deutschen zu Arbeit und zu Autoritäten, Krieg und Politik, Hunde und Hundehalter, Beamtentum und Bürokratie. Obwohl in den Jahren der Weimarer Republik geschrieben, bleibt vieles doch bis heute so aktuell, dass man das Alter der Satiren bisweilen kaum glauben kann. Obgleich oft so spezifisch, gelingt es Tucholski doch, anscheinend überzeitliche Konstanten im menschlichen Verhalten aufzuzeigen – damals mögen seine Texte brillant gewesen sein, heute können sie als fast schon visionär gelten. Doch all das wäre immer noch öde ohne den vielfältigen Humor der Satiren, dargestellt durch allerlei skurrile Vergleiche und Ausdrücke, Szenarien und Betrachtungsweisen. Ernster wird der Ton indes in den letzten Texten, wo Tucholski gegen Krieg und Militarismus anschreibt, gezeichnet durch die Schrecken des Ersten Weltkrieges – wichtig und berührend, zweifellos, und schrecklich deprimierend angesichts der Tatsache, dass wir heute wissen, wie die Geschichte weitergehen sollte.
Schwerlich kann ich natürlich ermessen, wie repräsentativ die Auswahl der in dem Buch versammelten Texte für das gesamte Werk Tucholskis ist, noch ob die besten beziehungsweise wichtigsten darunter sind – doch das, was geboten wird, ist großartig – witzig und, mehr noch, so aktuell wie eh und je.

Inzwischen erschienen: Horror Cinema Obscura

Die neue Anthologie „Horror Cinema Obscura“ – einschließlich meiner Geschichte „Faces of Dread“ – ist mittlerweile erschienen und (u.a.. bei Amazon) lieferbar.

Glauben Sie, dass eine Fotografie die Seele des Abgelichteten einfangen kann? Nein? Wie kommt es zu dem mysteriösen Phänomen der unerklärlich auf Fotos erscheinenden Abbilder Verstorbener? Zufällige Doppelbelichtungen – oder dreiste Manipulation? Vielleicht …
Aber was, wenn das Sichten einer Videokassette zu der irritierenden Entdeckung führt, dass auf ihr das eigene Leben vorgeführt wird – ohne dass man je vor einer Kamera gestanden hätte? Oder die Hauptdarstellerin eines Horrorfilms mit der schockierenden Tatsache konfrontiert wird, dass die Wölfe in den Filmkulissen plötzlich erschreckende Realität annehmen …?
Nun, dann befinden Sie sich inmitten einer der gruseligen Kurzgeschichten, die sechzehn Autorinnen und Autoren aus Deutschland und Österreich zum wohligen Schaudern für Sie erdachten …

252 Seiten

14,90 €

Apollodor: Götter und Heldensagen

Die Mythen der alten Griechen faszinieren die Menschen der westlichen Welt bis heute. Zahlreiche populär geschriebene Bücher mit Nacherzählungen der Geschichten um Zeus, Herakles, Odysseus & Co. gibt es – die doch leider allesamt nur einen kleinen Teil der Zahl und vor allem Varianten der Mythen abdecken und darüber hinaus selten auf die zugrundeliegenden Quellen Bezug nehmen. Eine zwar eher trockene, aber nicht minder informative Alternative gibt uns jedoch die Antike selbst zur Hand: Die „Bibliotheke“ des Apollodor (vermutlich aus dem 1. Jhd. n. Chr. verfasst). Zugegeben, der Verfasser ist nicht wirklich der berühmte Apollodor(os) von Athen, dem das Werk traditionell zugeschrieben wurde, sondern ein uns unbekannter Autor dieses oder eines anderen Namens. Doch das tut dem Werk keinen Abbruch – „Pseudo-Apollodor“, wie die Geschichtswissenschaft ihn wenig schmeichelhaft nennt, hat ein wirklich erstaunliches und interessantes Handbuch der Mythologie geschaffen: Ob nun die Theogonie, die Heldentaten von Herakles und Theseus, die Begebenheiten rund um den Trojanischen Krieg und zahlreiche Geschichten und Genealogien um Gestalten, von denen man noch nie zuvor gehört hat – auf rund zweihundert Seiten (modern) werden unzählige Mythen nacherzählt, ein gewaltiger Abriss der Mythologie, der Schwab und seine neuzeitlichen Kollegen an Inhalten deutlich in den Schatten stellt. Freilich, das geht auf Kosten der Unterhaltsamkeit: Pseudo-Apollodor gibt nichts auf Poesie und kunstvolle Gestaltung wie noch Homer und Hesiod, stattdessen wird der Stoff einfach stark komprimiert durchexerziert. Das mag sicher vielen Lesern öde erscheinen; ich indes hatte keine Schwierigkeiten damit. Natürlich ist auch diese Mythensammlung nicht vollständig – keinem wird es jemals gelingen, die Gesamtheit der griechischen Mythen in allen Varianten zu erfassen. Doch zumindest nähert sich Apollodor dem ziemlich gut an – selbst für einen Mythologie-Kenner sind zahlreiche Geschichten neu. Hin und wieder wird auch auf verschiedene Versionen bzw. Erzähltraditionen hingewiesen, doch in der Regel bleibt es schlicht bei einer bzw. der populärsten Version.
Doch auch wenn der Stil eben kein allzu unterhaltsamer ist (man gewöhnt sich trotzdem gut daran), so bleibt Pseudo-Apollodor doch eine der ergiebigsten verfügbaren Quellen zur griechischen Mythologie, einzuordnen wohl gleich hinter Homer und Hesiod. Auch über die vorliegende Ausgabe ist nur Gutes zu sagen: Anders als in anderen Ausgaben antiker Klassiker im Anaconda-Verlag liegt hier nicht eine uralte, sondern eine immerhin im letzten Jahrhundert überarbeitete Übersetzung vor, die dementsprechend quellennah sein dürfte, gut zu lesen ist und keine sichtbaren orthografischen Fehler aufweist. Hinzu kommen ein lesbares, aber nicht unbedingt nötiges Nachwort über griechische Mythologie allgemein, ein umfangreiches Register und eine Reihe von Stammbäumen der im Werk behandelten Geschlechter. Zwar ist das Werk leider nicht vollständig erhalten, doch die vorliegende Ausgabe enthält zumindest alle noch verfügbaren Teile, darunter auch die sogenannten Epitome. Auch in Anbetracht des bescheidenen Preises ist die „Bibliotheke“ – veröffentlicht unter dem Namen „Götter- und Heldensagen“ – eine definitiv lohnenswerte Anschaffung für jeden an der Mythologie Interessierten.

Der geflügelte Tod

Nach „Die geliebten Toten“ und „Das Haar der Medusa“ ist „Der geflügelte Tod“ der dritte und abschließende Band jener Geschichten, die Horror-Legende H. P. Lovecraft in Zusammenarbeit mit anderen Autoren verfasste. Wie bei den beiden anderen Bänden weiß man natürlich nie genau, wie viel Anteil nun Lovecraft und wie viel der jeweils andere Autor jeder Geschichte hatte – eindeutig sagen lässt sich indes, dass zumindest die meisten Texte eindeutig in Lovecraft-Tradition stehen und sich stilistisch wie inhaltlich in dessen Werk und den von ihm begründeten Cthulhu-Mytho einfügen. Die Bandbreite dabei ist beachtlich: lovecraftsche Chaosgottheiten, Außerirdische, Scheintod und andere unangenehme Daseinszustände, diesmal sogar einige Fälle reiner Fantasy und sogar Satire.
Doch leider ist diesmal ein großer Teil der Geschichten (zum Glück tendenziell die kürzeren) eher mittelmäßig und lässt die Genialität der „kanonischen“ Mythos-Geschichten allenfalls erahnen: „Das Nachtmeer“ soll wohl subtil und atmosphärisch sein, machte auf mich aber eher einen langatmigen und -weiligen Eindruck. Besser schon „Die Exhumierung“ – eine gut inszenierte Geschichte mit diabolischer Pointe, die man nur leider schon zu früh erahnt. Anders „Das Grauen auf dem Friedhof“ – auch dies eine im Ansatz großartige Geschichte, doch leider ohne wirklich pointiertes Ende. Den Fehler macht leider auch „Aus Äonen“, die mit Abstand beste Geschichte des Bandes – voll mit lovecraftschem und psychischem Grauen, ohne Durststrecken eingebettet in einen interessanten und detaillierten historischen Hintergrund, was die Geschichten zu einer der besten Lovecrafts machen könnte, doch leider ist das Ende dann doch eher unspektakulär. Ohne Fehl indes steht die Titelgeschichte „Der geflügelte Tod“ da, eine solide Weird-Fiction-Story, ebenso auch „Die Bedrohung aus dem Weltraum“ – eine Fortsetzungsgeschichte diverser Autoren (darunter neben Lovecraft u.a. auch Robert E. Howard), die das Beste aller Mitwirkenden vereinigt (inhaltlich erinnernd an und bezugnehmend auf „Der Schatten aus der Zeit“).
So stellt sich „Der geflügelte Tod“ letztlich als eher durchwachsen heraus: Teils großartige Mythos-Geschichten, teils Horror und Fantasy verschiedener Qualität (bis hin zu solchen, mit denen ich nicht wirklich etwas anfangen kann), daneben noch bisweilen amüsante Ausflüge ins Groteske. Auch in Anbetracht der beiden vorigen Bände kann man wohl festhalten, dass die authentischsten und durchweg mit hoher Qualität gesegneten Mythos-Geschichten jene sind, die in Zusammenarbeit mit Hazel Heald entstanden – ob nun aufgrund ihrer ähnlich gearteten Schreibkunst oder aber einer Dominanz Lovecrafts, ist leider nicht zu sagen. Damit wäre die Lovecraft-Sammlung nun also komplett – und es hat sich gelohnt, trotz dezenter Schwächen jeder einzelne Band.

Menschenwürde (Becks Wissen)

Sie steht in Artikel 1 des Grundgesetzes und gilt als höchster Wert der modernen Ethik: Die Menschenwürde. Doch was hat es mit diesem alles andere als selbsterklärenden Konzept eigentlich auf sich? Genau das versucht uns Dietmar von der Pfordten im entsprechenden Band der Wissens-Reihe des C. H. Beck-Verlages zu erklären. Das Ergebnis – mäßig.
Zunächst bietet das Büchlein einen knappen, aber informativen historischen Abriss über die Geschichte der Menschenwürde: Ihre Rolle bei Cicero, in der christlichen Tradition, der Renaissance, bei Kant, in der modernen Welt. Das ist soweit durchaus interessant, ja ein solides Stück Allgemeinbildung.
Dann aber folgt der Hauptteil des Buches: von der Pfordtens Menschenwürde-Erläuterungen, ja man könnte sagen, -Propaganda. Zunächst lässt sich festhalten, dass der Autor das Pferd buchstäblich von hinten aufzäumt. Seine Denkweise: Die Menschenwürde existiert, worin mag sie also bestehen? Zwar erläutert er zuvor durchaus die verschiedenen Dimensionen des Konzepts (als kleine, mittlere, große und ökonomische Würde bezeichnet) und auch das sich mit der Zeit wandelnde Verständnis, doch schlussendlich kulminiert das alles zu einer dogmatischen Definition. Die Menschenwürde sei in ihrem Kern die Fähigkeit des Menschen, selbst Einfluss auf seine eigenen Ziele und Präferenzen zu nehmen, Punkt. Dass das kaum ansatzweise die Vielfalt des immer wieder anders betrachteten und definierten Konzeptes trifft – geschenkt. Umso schlimmer schließlich, dass von der Pfordten aus eben genannter Feststellung ganz selbstverständlich, ja ohne wirkliche Erläuterung auch das normative Gebot zum Recht auf ebendiese Willensentfaltung ableitet – in der Philosophie und Ethik bekannt als „naturalistischer Fehlschluss“. Es ist logisch nicht möglich, normative aus faktischen Aussagen abzuleiten – insofern outet sich der eigentlich recht belesene Autor hier plakativ als philosophischer Analphabet (unschön in Anbetracht der Tatsache, dass die Philosophie eigentlich sein einziges Standbein ist, während etwa Erkenntnisse aus den empirischen Wissenschaften nicht die geringste Beachtung finden). Dieses Denken, bei dem nicht nur völlig unzulässige Schlüsse gezogen, sondern überdies ein ethisches Konzept konsequent als überzeitliche empirische Wahrheit dargestellt wird, ist nur als buchstäbliche Hybris zu bezeichnen. In dieser selbstgerechten Überzeugung fährt der Autor fort und wendet sein Menschenwürde-Konzept im Anschluss auf allerlei klassische ethische Fragen an, bei denen die Menschenwürde stets gerne bemüht sind (das entführte Flugzeug, Rettungsfolter, Präimplantationsdiagnostik etc.). Hierbei werden noch so einige kleinere logische Fehler gemacht und/oder zwangsläufige Konsequenzen der eigenen Schlussfolgerungen nicht ausgeleuchtet, doch das sei hier nur am Rande erwähnt. Bezeichnend auch, dass der Autor der Unterscheidung des Menschen von anderen Tieren (die grundsätzlichste Frage bei der Menschenwürde, sollte man meinen) nur eine halbe Seite einräumt und jegliche Würde der Tiere in einem Satz ohne jegliche empirische Argumente abstreitet.
Nebst eines kleinen historischen Überblicks ist von der Pfordtens „Menschenwürde“ letztlich also kein wissenschaftliches, schon gar nicht objektives, sondern ein zutiefst ideologisches Buch. Ohne das Konzept der Menschenwürde selbst an dieser Stelle diskutieren zu wollen – dem Autor des Buches jedenfalls gelingt weder eine sinnvolle Begründung noch Definition noch Anwendung derselben. Ein Buch, das letztlich hervorragend zur moralischen Onanie taugt, nicht aber für einen sinnvollen Diskurs, es sei denn als Negativbeispiel.