Hell Hound

Bildergebnis für hell hound festaWas mag im Kopfe eines amoralischen, aber hoch intelligenten Kampfhundes vor sich gehen?
Diese Frage stellt – und beantwortet – Ken Greenhall in seinem Roman „Hell Hound“, Jahrzehnte nach der ersten Veröffentlichung nun erstmalig auf Deutsch erschienen in der Reihe „Pulp Legends“ des Festa-Verlags.
Wir folgen der Geschichte von Baxter, einem Bullterrier, der sich einfach mehr vom Leben verspricht als die stumpfsinnige Existenz im Besitz einer alten Dame. Was wäre, wenn die alte Frau eines Morgens oben an der Treppe stünde und plötzlich von hinten einen Stoß gegen ihre Beine bekäme? Der Mord, den Baxter wie ein Unfall aussehen lässt, führt ihn zu einem netten jungen Pärchen – bei dem er wenig später durch ein Baby fatale Konkurrenz bekommt. Und wieder sieht Baxter sich gezwungen, das Schicksal in die eigene Pfote zu nehmen, bis er schließlich bei einem 13jährigen Nazi landet, der ihn, von Gewalt fasziniert, schnell ins Herz schließt – doch obwohl und gerade weil die beiden einander besser verstehen als alle anderen zuvor, zeichnet sich eine fatale Entwicklung ab …

Wie schon der erste Teil der Reihe, Komm, wir spielen bei den Adams von Mendal W. Johnson, klingt auch „Hell Hound“ auf den ersten Blick nach einem trashigen Splatterfest, stellt sich dann aber als wohlinszenierter Psychothriller heraus. Das Buch ist mit seinen rund 200 Seiten schnell durchgelesen, zumal sehr flüssig und unterhaltsam zu lesen. Die oft eher einfachen Sätze zeugen eher von bewusstem Stil als Unvermögen des Autors, wie die bisweilen doch raffinierten Gedanken und Formulierungen durchblicken lassen. Mit ständigem Perspektivwechsel schafft Greenhall ein lebendiges Panorama der verschiedenen Charaktere, die doch alle irgendwie individuell und lebendig wirken, weitgehend ab von Klischees und über die ganze Länge des Werkes gut entwickelt und in Beziehung gesetzt. Freilich am faszinierendsten sind natürlich Baxter selbst und der gestörte Junge, der sein dritter Besitzer wird. Natürlich ist kaum zu sagen, wie realistisch die Gedanken eines Hundes wiedergegeben sind – doch ohne Zweifel gelingt Greenhall eine glaubwürdige Darstellung des zwar amoralischen, letztlich aber doch wieder verständlichen Bullterriers. Das Ende schließlich ist bitterböse und überraschend, ein bedrückender Zirkelschluss des eskalierenden Dramas. Wer also genug hat von harmloser Tier-Fantasy für Kinder, der dürfte mit dem düsteren und atmosphärisch dichten „Hell Hound“ von Ken Greenhall gut beraten sein.

Komm, wir spielen bei den Adams

Die 70er bis 90er Jahre brachten in den USA eine Flut trivialer Horrorromane hervor, von denen die meisten so schnell wieder vergessen wurden, wie sie erschienen. Eine Handvoll indes blieb zumindest Kennern als literarische Perlen in Erinnerung – und ebendiese sind es, die der Festa-Verlag nunmehr in der neuen Reihe „Pulp Legends“ als limitierte Sammlerausgaben zu veröffentlichen beginnt. Den Anfang der Serie macht der Psychothriller „Komm, wir spielen bei den Adams“ von Mendal W. Johnson.

Bildergebnis für komm wir spielen bei den adamsBarbara ist eine herzensgute, wenngleich etwas naive Studentin, die sich nichts Böses davon verspricht, als Babysitter für zwei Kinder einzuspringen, als die Eltern für eine Woche verreisen. Die Geschwister und deren Freunde haben sich jedoch einen teuflischen Plan in den Kopf gesetzt, um endlich einmal der ständigen Bevormundung durch die Erwachsenen zu entgehen. Am nächsten Morgen wacht Barbara gefesselt auf – die fünf Jugendlichen wollen sich eine schöne Woche machen und dabei die unglückselige Babysitterin gefangen halten. Schon bald aber beginnt die Situation zunehmend zu eskalieren, als die Kinder sich ihrer Macht bewusst werden. Ein guter Ausgang wird undenkbar …

Einen „der grausamsten Romane aller Zeiten“ verspricht der Klappentext – und tatsächlich lässt „Komm, wir spielen bei den Adams“ den Leser mit einem flauen Gefühl im Magen zurück. Entgegen der Erwartung ist es jedoch nicht die plastische Schilderung allerlei Grausamkeiten, in denen sich der Roman ergeht. Vielmehr liegt das Augenmerk auf der Psyche der Beteiligten, Täter wie Opfer: Barbara, zunächst noch mit typisch erwachsener Selbstsicherheit geschlagen, die angesichts der harten Realität zunehmend in Verzweiflung gerät. Und auf der anderen Seite die fünf Jugendlichen, die ihren lange angestauten Groll auf die Erwachsenenwelt auf sie projizieren, die permanent mit ihren Taten hadern und sich trotzdem immer weiter in eine Spirale der Gewalt hineinsteigern, jeder für sich mit individuellen Gedanken und Charakterzügen, fatal zusammengeschweißt durch die beherrschende Macht der Gruppe. Antrieb ist am ehesten ein entarteter Spieltrieb, eine Mischung aus pubertärem Protestdenken und letztlich ziemlicher Irrationalität. So kann man das Werk als eine ganz andere, wenngleich wohl brillante Coming-of-Age-Geschichte lesen, die doch in einzigartiger Form das machtbestimmte Spannungsfeld zwischen Kindern und Erwachsenen auslotet. Innere Monologe sind zahlreich, breit ausgekostet werden die sieben Tage der Anarchie. Ebendieser grausame Realismus abseits dramaturgischer Konventionen ist es auch, der letztlich am meisten verstört. All das würde freilich kaum funktionieren ohne den absolut fesselnden Schreibstil des Autors, bei dem eine jede Unterbrechung zum Ungemach wird. Freilich hätte das Buch etwas an Glaubwürdigkeit gewonnen, wären die kindlichen Protagonisten um einige Jahre jünger gewesen, stehen manche mit siebzehn und sechzehn Jahren doch der Erwachsenenwelt schon deutlich näher – womit ihre so offensiv kindliche Charakterisierung etwas an Glaubwürdigkeit verliert und vielleicht schon eher an eine erwachsene Projektion „kindlicher“ Denkweisen erinnert. Dem zum Trotze bleibt „Komm, wir spielen bei den Adams“ ein allzu bedrückender, dabei jedoch hoch spannender Thriller, ein mehr als gelungener Auftakt einer vielversprechenden Serie.

Kritik der Prä-Astronautik – eine Doppelrezension

1968 veröffentlichte Erich von Däniken sein Buch „Erinnerungen an die Zukunft“ – nicht das erste Werk der sogenannten Prä-Astronautik, doch definitiv das, welches die These, in grauer Vorzeit hätten Außerirdische Einfluss auf die menschliche Zivilisation genommen, mehr als jedes zuvor einem breiten Publikum nahebrachte. Bis heute folgten zig weitere Bücher des Autors, die Zahl der dadurch inspirierten „Forscher“ ist Legion. Natürlich war das Werk von Dänikens von Anfang an heftiger Kritik ausgesetzt, die ihm Unplausibilität, Lügen, Quellenverdrehungen und sogar Plagiat vorwirft. Bis heute wird die Prä-Astronautik von der akademischen Wissenschaft nicht ernst genommen – was niemand öfter oder vehementer betont als die Prä-Astronautiker selbst. Doch welcher Art sind diese so vernichtenden Kritiken der „richtigen“ Wissenschaft eigentlich?
Es braucht einige Zeit, sie zu finden, sind sie doch weit weniger zahlreich und auflagenstark als das von ihnen behandelte Objekt. Zwei kritische Repliken fand und las ich – mit einem Fazit, das unterschiedlicher kaum sein könnte.

Bildergebnis für erinnerungen an die wirklichkeitZu den Kritikern der ersten Stunde gehörte Gerhard Gadow, der 1971, damals noch Schüler, die Gegendarstellung mit dem einfallsreichen Titel „Erinnerungen an die Wirklichkeit“ veröffentlichte.
Mit rund 100 Seiten ist das Büchlein nicht umfangreich und schnell durchgelesen – doch der Qualität tut das keinen Abbruch. In erster Linie nimmt Gadow sich Dänikens Quellen vor – mit fatalem Ergebnis: So wird etwa anhand einer ganzen Reihe Zitate nachgewiesen, dass Däniken zahlreiche Informationen, ja mitunter kaum umformuliert ganze Passagen samt Fehlern aus Robert Charroux‘ „Phantastische Vergangenheit“ übernahm, einem früheren und weniger bekannten Werk der Prä-Astronautik. An anderer Stelle, so bleibt kein anderer Schluss möglich, muss Däniken Informationen in den ihm bekannten Quellen, die seinen Thesen widersprechen, bewusst ignoriert haben. Doch auch abseits der bloßen Quellenkritik schlägt Gadow gnadenlos, doch wohl fundiert zu: Gleich mehrere der angeblichen Beweismittel Dänikens werden empirisch widerlegt – so etwa die Karte des Piri Reis (die überhaupt nicht das darstellt, was man ihr zuschreibt, und der bei Däniken eine moderne Karte als angeblicher Zwilling beigesellt wurde) oder das immer wieder beliebte Thema der Osterinsel-Statuen (die, wie moderne Experimente zeigen, sehr wohl bewegt werden konnten und ganz und gar nicht in Dänikens Hypothesen sie betreffend passen). Bei all dem bleiben manch harte Worte natürlich nicht aus, doch beschränkt sich Gadow auf das, was er wirklich aus seinen Beweisführungen ableiten kann – fundierte Urteile statt polemischer Schmähkritik. Natürlich finden sich auch in diesem Buch marginale Kritikpunkte, die sich aber überwiegend aus der Zeit der Entstehung herleiten lassen – als die Hieroglyphen der Grabplatte von Palenque einfach noch nicht entziffert waren und man durchaus noch das Wort „Neger“ benutzen konnte, ohne sich wie heute als eindeutiger Rassist zu outen. Davon unberührt bleibt freilich der Kern der Ausführungen, deren Schlussfolgerungen heute so aktuell sind wie damals. Trotz geringem Umfang letztlich ein vorzügliches Werk, das in nicht viel mehr Worten als notwendig Dänikens erstes Buch geradezu seziert.

Bildergebnis für beweisnot glanz und elend

Einen anderen Eindruck indes macht das Buch „Beweisnot: Glanz und Elend der Astronautengötter, das Ende einer Legende“ von Emil-Heinz Schmitz. Mit mehr als doppelt so vielen Seiten, zumal auch als Harcover erhältlich, macht es einen deutlich hochwertigeren Eindruck als Gerhard Gadows Broschüre. Der Inhalt freilich vermag diesen Anspruch weniger einzulösen. 
Das Buch beginnt mit reihenweise Zitaten aus dem Werk „Und sie waren doch da“ von Wilhelm Selhus – einem satirischen Sachbuch, das überspitzt die Erkenntnismethoden der Prä-Astronautiker parodiert. Eigentlich eine geeignete Einleitung – doch Schmitz übertreibt es schon hier. Über zig Seiten gibt er Selhus‘ „neologische“ Schlussfolgerungen wieder und behandelt sie wie mit vollem Ernst – was heißt, dass er stets über deren Unplausibilität herzieht und somit plump jeden ironischen Charakter vermiest. Es folgt ein historische Abriss über die frühe Geschichte der Prä-Astronautik-Theorie, die im Wesentlichen das Ziel verfolgt, zu belegen, dass Däniken bei weitem nicht der erste war, sondern seine Theorien auf einem schon längst allzu fruchtbaren Feld aufbaute. Das gelingt – einigermaßen interessant, im Laufe der Ausführungen dann aber doch eher trocken. Der schließlich überwiegende Teil des Buches ist dem Bemühen einer „Auseinandersetzung“ mit der prä-astronautischen Theorie gewidmet. Doch trotz zahlreicher penibler Fußnoten (wie sie die kritisierten Grenzwissenschaftler oft vermissen lassen, die aber trotzdem nicht alleine für Wissenschaftlichkeit ausreichen) kommt dabei nur ein anstrengend zu lesender Wust heraus, der am ehesten zum Fremdschämen einlädt. De facto besteht Schmitz‘ Kritik daraus, dass er zahlreiche oft ellenlange Passagen prä-astronautischer Werke wörtlich zitiert und deren Inhalt anschließend mit nichts als hämischen Kommentaren über deren Unglaubwürdigkeit abtut. Offensichtlich hat Schmitz wirklich zahlreiche Quellen gesichtet, wofür ihm ein gewisser Respekt gebührt – doch jeden eigenen Beitrag von Substanz sucht man vergeblich. Die auf die unzähligen Zitate folgende Kritik bleibt meist bei Urteilen wie folgenden: „Selbstverständlich! Man muss nur die nötige Phantasie entwickeln.“ (91); „Nun ja, der Phantasie sind wirklich keine Grenzen gesetzt.“ (Ebd.); „Das ist die Ansicht eines streitbaren Sonntagsforschers, mehr nicht! In Wirklichkeit beweisen all diese Überlieferungen gar nichts.“ (112); „Wir haben zu diesem „Raumfahrer“ nichts weiter zu sagen und überlassen es dem Leser, sich anhand der Abbildung sein eigenes Urteil zu bilden.“ (217f); abermals: „Der Leser möge selbst die Antwort geben!“ (224) und nicht zuletzt „Da kann man nur sagen: O armer Götter-Erich!“ (114). Ja, ich schließe mich der Ansicht Schmitz‘ an, dass viele der zitierten Thesen und Interpretationen ganz einfach unplausibel bis lächerlich sind und sich bisweilen durch bloßen gesunden Menschenverstand widerlegen lassen. Doch für diese Feststellung brauche ich kein Buch, das mir das sagt! Wenn der Leser sicher von selbst zum richtigen Urteil gelangen wird, wie ja oft genug postuliert, dann ist das Buch überflüssig. Schmitz indes geht in seiner deutlich zur Schau gestellten Borniertheit ganz selbstverständlich davon aus, dass all die genannten Theorien sich ohnehin schon selbst demaskieren und in ihrer Lächerlichkeit keine weitere Diskussion wert sind. Das ziemt sich vielleicht gerade noch für einen Kabarettisten, unter keinen Umständen aber für einen Autor mit wissenschaftlichem Anspruch. Fast wirkt es, als wolle Schmitz auf jeden Fall all jene Klischees bestätigen, die seine Gegner in den Grenzwissenschaften über den akademischen Betrieb kultivieren. 
Freilich – bisweilen gibt es in der Tat Gegenargumente. Hin und wieder zitiert Schmitz etwa ebenso umfangreich die Kommentare richtiger Wissenschaftler, die dann auch bisweilen wirkliche Sachargumente, oft aber auch nur ein wertendes Fazit beinhalten. So manche der angebotenen alternativen Erklärungen sind indes selbst wenig fundiert (wie etwa die These, Hörner hätten in Babylonien die Venus symbolisiert, S. 222) oder aber von unglaublicher Banalität („Mythen sind immer einfach nur phantastische Ausschmückungen“). Eigene Argumente, die hin und wieder gegen grenzwissenschaftliche Thesen angeführt werden, sind meist ziemlich platt – womit sie manchmal richtig liegen, öfters aber auch am Kern der Sache vorbeigehen. Kaum eine Auseinandersetzung gibt es indes mit jenen „handfesten“ Argumenten der Prä-Astronautiker. Die sind nämlich durchaus vorhanden, auch wenn sie sich bei näherer Betrachtung meist als schlichte Fehldarstellungen und -interpretationen herausstellen. Derartiges bleibt oft unwidersprochen oder wird ebenso als lächerlich abgetan, obwohl eine sachliche Widerlegung möglich und sinnvoll (allerdings mit größerem Rechercheaufwand verbunden) gewesen wäre. Ja, zugegeben, es finden sich auch einige sinnvolle Widerlegungen und verwertbare Argumente – doch machen sie eben nur einen auffällig geringen Teil eines Buches aus, das fast ausschließlich aus Zitaten und hämischer Polemik zu bestehen scheint. Auffällig ist dabei auch der inflationäre Gebrauch abwertender Aussagen über die fraglichen Autoren wie etwa Erich von Däniken (der die Dummheit seiner Leser ausnutze, nur aufs Geldverdienen aus sei etc.) – vieles davon mag stimmen, doch man hätte es belegen müssen, zumal ein derartig salopp-polemischer Tonfall sich ganz allgemein in einem solchen Werk wenig ziemt.

So könnten die beiden Bücher dann verschiedener kaum sein: Das eine weist penibel Plagiat, Quellenverdrehung und Unplausibilität nach und wird dabei nie polemischer als daraus resultierend (was schon genug ist), das andere indes ergötzt sich nur in bornierter Häme, bläht sich selbst durch eine Flut von Zitaten ohne Auseinandersetzung und mit wenig eigenem Beitrag auf und belegt seine Thesen nur hin wieder besser als die von ihm kritisierten Grenzwissenschaftler.
Was lernen wir daraus? Was ein Erich von Däniken postuliert, ist unseriös und nicht haltbar – doch nur weil man sich dagegen stellt, ist man selbst nicht unbedingt professioneller.

Feuer und Blut – Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros (Erstes Buch)

Viele Jahre schon warten die Fans auf den nächsten Band von George R. R. Martins preisgekrönter Buchreihe „Das Lied von Eis und Feuer“, unaufhaltsam schreitet die Verfilmung „Game of Thrones“ inzwischen ihrem Ende entgegen. Da erscheint nun endlich ein neues Buch – nicht gerade Band 6 bzw. 11 der Romanreihe, sondern ein unabhängiges Werk aus derselben Welt. „Feuer und Blut“, so der Titel – das ist kein Zitat von Donald Trump, sondern der Leitspruch des altehrwürdigen Hauses Targaryen, das dreihundert Jahre lang über Westeros herrschte. Die Hälfte davon hat Martin in das vorliegende Buch gepackt, das dementsprechend auch kein Roman, sondern mehr eine Chronik ist. Wenngleich eine allzu unterhaltsame Chronik, wie sich schnell herausstellt.
Auf fast 900 Seiten berichtet Martin aus der Perspektive des Erzmaesters Gyldayn über die ersten sieben Könige der Targaryen-Dynastie: Aegon I., der Eroberer, der zusammen mit seinen zwei Schwestern und drei Drachen fast ganz Westeros unterwarf. Seine Söhne Aenys, gutmütig und naiv, und Maegor, den man nicht umsonst den Grausamen nannte, die das neue Reich zu festigen versuchten und sich zahlreicher Rebellen zu erwehren hatten. Jaehaerys I., der nach anfänglichen Komplikationen über fünfzig Jahre regierte und Westeros eine beispiellose Zeit des Wohlstandes bescherte – wenngleich nicht ohne fatale Rückschläge in Form von Seuchen, einigen Kriegen und natürlich politischen Verwicklungen. Viserys I., dessen noch ruhige Herrschaft unvermeidlich in die verheerendste Katastrophe der Geschichte von Westeros mündete: Den Tanz der Drachen, jenen blutigen Bürgerkrieg zwischen zwei Linien des Hauses Targaryen, der die ganze kurze Herrschaft von Aegon II. über währte, zahlreiche Opfer unter Menschen wie Drachen forderte und schließlich ein ausgeblutetes Land unter der Führung des traumatisierten Aegon III. hinterließ, womit das Buch relativ abgeschnitten sein Ende findet.
Was Martin hier schreibt, liest sich fast wie Game of Thrones im Schnelldurchlauf: Eine Unzahl Akteure tritt auf, agiert, geht schließlich in tragischen Verwicklungen zugrunde inmitten einer hochkomplexen Welt voller Intrigen und Beziehungen. Das ist vielleicht nicht die leichteste Kost für Leser konventioneller Romane, ein Festschmaus aber für eingefleischte Fans der Reihe und Welt. Obgleich durchweg berichtend, schafft es Martin doch, an den zentralen Stellen Spannung aufzubauen und gerade soweit ins Szenische auszugreifen, wie es der Unterhaltung dient, ohne dem Stil zu schaden. Raffiniert gemacht ist dabei auch die Instanz des fiktiven Geschichtsschreibers, der bisweilen selbst zwischen widersprüchlichen Quellen abwägt oder bei Mangel an Information Vermutungen anstellt. Wiewohl sich auch der rote Faden an den Königen entlanghangelt, so bleibt doch immer noch massig Platz für zahlreiche Nebenstränge voller Hintergründe und Anspielungen, die doch alle wieder Einfluss auf das Schicksal der Welt haben. Wie man es schon aus den vorigen Romanbänden mit ihrer nicht vorhandenen Zweiteilung in Gut und Böse gewohnt ist, erschafft Martin auch hier eine teils schwer überblickbare Genealogie von Figuren, die doch alle komplex und innovativ sind, ambivalent und weitgehend frei von Klischees. Erneut, wenn nicht umso mehr, fällt der gnadenlose Realismus einer mittelalterlichen Welt mit all ihren Übeln auf, wobei allzu hart etwa die Sterblichkeit von Müttern und Kindern zu Buche schlägt. Und natürlich bekommt man endlich auch Drachen zu sehen, prominenter und präsenter als in allen Lied-von-Eis-und-Feuer-Bänden zuvor.
Freilich ist „Feuer und Blut“ nicht das erste Buch von Martin, das sich der Geschichte der Targaryens widmet. Schon in „Westeros: Die Welt von Eis und Feuer“ wurde ein historischer Abriss präsentiert, doch es wäre verfehlt, „Feuer und Blut“ als eine bloße Ausschlachtung alten Materials zu bezeichnen – vielmehr bietet sich damit erstmalig die Gesamtheit der Hintergründe (zumindest einer gewissen Zeit und Familie) dar, deren vorherige Fassung nur an der Oberfläche kratzte und zahlreiche Aspekte ausließ. Tatsächlich wurden jedoch auch schon Teile des Buches selbst zuvor eigenständig veröffentlicht, nämlich im Rahmen mehrerer Anthologien, so zum Beispiel eine Schilderung des Drachentanzes in „Königin im Exil“ und der Abschnitt „Der Bruder des Königs“ im gleichnamigen Sammelband. Beim Lesen des Gesamtbuches fallen indes keinerlei Brüche auf, die auf eine uneinheitliche Entstehung schließen ließen – vielmehr scheint es so, dass die Anthologiebeiträge einem bereits recht ausgereiften Gesamtmanuskripts entnommen wurden. Als jemand, der die Anthologien nicht besitzt (zumal eine von diesen, „The Book of Swords“, nie auf Deutsch erschienen ist), kann ich mich nur freuen, dass all diese verstreuten Beiträge nun in diesem einen Band vereinigt sind.
Ein weiterer zu lobender Aspekt ist der dem Buch beigefügte Stammbaum der Targaryen-Familie als Poster, der zusammengeklappt zugleich als Schutzumschlag fungiert – ein außergewöhnlich robuster Schutzumschlag zudem, da doppellagig und aus hochwertigerem Papier als bei vergleichbaren Umschlägen anderer Bücher. Hinzu kommen die zahlreichen Illustrationen, gleichwohl von Personen wie Ereignissen, die umso mehr zum Eintauchen in die Welt von Westeros beitragen.
All dies ergibt ein ziemliches Monumentalwerk, in Komplexität und Inhalt wohl jeden früheren Einzelband überbietend, zumal durchaus spannend und flüssig zu lesen. Nur für wirkliche Fans der Reihe, versteht sich, aber für die umso mehr. Und in Anbetracht der Tatsache, dass „Feuer und Blut“ nur die Hälfte der Targaryen-Dynastie abhandelt – so bleiben etwa die Eroberung von Dorne sowie sämtliche Schwarzfeuer-Rebellionen außen vor – bleibt nur zu hoffen, dass George R. R. Martin wenigstens diesmal zügig nachlegt.

Eusebius‘ Monsterparade – Ein Zitat auf seiner Reise durch die Jahrtausende

„Und es waren daselbst gewisse andere Untiere,von denen ein Teil selbsterzeugte waren, und mit lebenerzeugenden Formen ausgestattete; und sie hätten erzeugt Menschen, doppeltbeflügelte; dazu auch andere mit vier Flügeln und zwei Gesichtern und einem Leib und zwei Köpfen, Frauen- und Männer(köpfen), und zwei Naturen, männlichen und weiblichen; weiter noch andere Menschen, mit Schenkeln von Ziegen und Hörnern am Kopfe; noch andere, pferdefüßige; und andere von Pferdegestalt an der Hinterseite und Menschen(gestalt) an der Vorderseite, welche der Hippokentauren Formen haben; erzeugt hätten sie auch Stiere, menschenköpfige, und Hunde, vierleibige, deren Schweife nach Art der Fischschwänze rückseits aus den Hinterteilen hervorliefen; auch Pferde mit Hundeköpfen;und Menschen sowie noch andere Ungeheuer, pferdeköpfige und menschenleibige und nach Art der Fische beschwänzte; dazu weiter auch allerlei drachenförmige Unwesen; und Fische und Reptilien und Schlangen und eine Menge von Wunderwesen,mannigfaltig gearteten und untereinander verschieden geformten, deren Bilder sie im Tempel des Belos eins neben dem andern dargestellt aufbewahrten.“

Es sind schauderhafte Kreaturen, von denen der spätantike Historiker Eusebius von Caesarea da berichtet. Kann diese Auflistung womöglich ein Beweis sein für die Existenz grotesker Mischwesen in grauer Vorzeit, wie Erich von Däniken spekuliert? Immer wieder nennen grenzwissenschaftliche Autoren die Worte Eusebius‘ als Beispiel für Genmanipulationen durch Außerirdische – meist in direkter Verbindung mit dem Serapeum von Sakkara und den rätselhaften Funden dort (siehe meinen Aufsatz darüber). Ich bin den Ursprüngen dieses Zitates in Form eines Essays auf die Spur gegangen – mit bemerkenswerten Ergebnissen.

Mein Vater war ein MiB 2: Missing Link

Mein Vater war ein MiB - Band 2Das Genre der Verschwörungsliteratur erlebte einen neuen Höhepunkt, als ein unter dem Pseudonym Jason Mason bekannter Autor im letzten Jahr sein Monumentalwerk „Mein Vater war ein MiB“ veröffentlichte. Mason, nach eigener Aussage wirklich der Sohn eines Man in Black, versammelte darin Behauptungen zahlreicher Pseudowissenschaftler, Verschwörungstheoretiker und selbsternannter Whistleblower über Aliens, Zeitreisen, Reptiloiden, Riesen, UFOs im Dritten Reich und was immer sonst uns bekanntlich von der Verschwörung khasarojüdisch-satanistischer Freimaurer-Illuminaten verheimlicht wird. Kaum ein Jahr nach jenem absurden, wenngleich teils unterhaltsamen Machwerk erschien nun eine Fortsetzung: „Mein Vater war ein MiB 2: Missing Link“.
Während der erste Band noch zahlreiche unabhängige Aspekte pseudowissenschaftlicher Phantastik rezipierte, konzentriert sich der zweite weitgehend auf einen einzigen: Den Frontalangriff auf das Rückgrat des wissenschaftlich-naturalistischen Weltbildes, die Evolutionstheorie. Diesen ewigen Dorn im Auge jedes anständigen Spinners versucht Mason zu widerlegen – durch der Evolution scheinbar widersprechende Fundstücke, pseudowissenschaftliche Argumentation und einen guten Schuss ganz konkrete Verschwörungstheorien. Die These: Von Anfang an war die Evolutionstheorie nichts als eine Erfindung satanistischer Freimaurer, um die Menschen von ihren wahren Ursprüngen abzubringen, die irgendwo zwischen göttlicher und außerirdischer Schöpfung rangieren.
War Band 1 noch eine ungeordnete Zusammenstellung zahlreicher Denktraditionen, kristallisiert sich hier nun eine klare und mehr als beängstigende Ideologie heraus: Im Wesentlichen christlicher Kreationismus, ergänzt durch Prä-Astronautik und zutiefst nationalsozialistisches Gedankengut – eine eierlegende Wollmilchsau menschlichen Irrsinns also. Doch damit ist das Fazit schon vorweggenommen – was genau denn führt Mason an, wie ist es zu bewerten?

Beginnen wir mit dem in der Wissenschaft wichtigsten Apekt: Der Quellenarbeit. Zur allgemeinen Überraschung beinhaltet das Buch am Ende ein umfangreiches Literaturverzeichnis, auf das durch zahlreiche Fußnoten verwiesen wird. Doch die Furcht, tatsächlich einmal einem wohl fundierten Werk gegenüberzustehen, zerschlägt sich denkbar schnell: Bei keinem einzigen erwähnten Buch werden Seitenzahlen genannt; die Fußnoten gelten stets für einen ganzen Textabschnitt – ein direkter Beleg einzelner zur Argumentation relevanter Informationen findet also niemals statt. Vielmehr stellen die aufgeführten Quellen überwiegend Machwerke anderer pseudowissenschaftlicher, oft etwa kreationistischer Autoren dar, deren komplexe Ideenkonstrukte in Gänze und unreflektiert übernommen werden, ohne die dahinterstehenden Beweisführungen wiederzugeben bzw. zu hinterfragen. Insofern stellt das Buch – vielleicht nicht ganz so plakativ, aber letztlich ebenso wie der erste Teil – in weiten Teilen schlichtweg eine Kompilation verschiedenen einschlägigen Gedankenguts dar, wobei „Beweisführungen“ allenfalls übernommen, aber kaum selbst entwickelt werden.
Wie in diesem Genre zwangsläufig zu erwarten, unterliegt der Autor dabei zwangsläufig einer Wahrnehmungsverzerrung bei der Quellenbewertung: Was in das eigene Konzept passt, wird kritiklos zitiert, was ihm widerspricht, hingegen kategorisch abgelehnt. So ist es auch kein Problem, einerseits die gesamte Zunft der Wissenschaft als eine mit allgemeiner Desinformation beauftragte Verschwörung zu charakterisieren, zugleich aber Erkenntnisse und Aussagen ebendieser Wissenschaft zu zitieren, wann immer sie die eigenen Thesen zu bestätigen scheinen. Wenn man tatsächlich die Existenz einer weltweiten Verschwörung annimmt, die über schier unbeschränkte Fähigkeiten verfügt, um falsche Belege zu fälschen und echte zu unterdrücken (wie explizit postuliert) – auf welcher Basis kann man überhaupt noch irgendeine Quelle zitieren? Müsste nicht auch davon ausgegangen werden, dass gerade im Feld der „Aufklärer“ jenseits des wissenschaftlichen Mainstreams ebenfalls Desinformation betrieben wird? Wenn die Verschwörer Millionen von Fossilfunden und anderen Belegen fälschen – wieso nicht auch ein ganzes Pantheon pseudowissenschaftlicher Theorien und Beweismittel für diese, um von der Wahrheit abzulenken und die Zunft der Verschwörungstheoretiker unglaubwürdig zu machen?

Doch ab von der Form – was geben die Argumente her? Das Hauptanliegen des Buches (abgesehen vom finanziellen Erlös) ist natürlich die Zerschlagung der Evolutionstheorie. Diese ist selbstverständlich die Erfindung einer Verschwörung satanistischer Freimaurer – obgleich es dafür natürlich keine Belege gibt, die über einzelne nachgewiesene Fälschungen (etwa den Piltdown-Menschen und die gefälschten Datierungen des Anthropologen Reiner Protsch, beide letztlich von Wissenschaftlern aufgedeckt) sowie die bloße Mitgliedschaft mancher früher Verfechter der Evolutionstheorie bei den Freimaurern hinausgehen. Besonders kurios etwa wird es, wenn schon die „Beringerschen Lügensteine“, über hundert Jahre vor Veröffentlichung von Darwins „Über die Entstehung der Arten“ hergestellt, als Beispiel wissenschaftlicher Beweisfälschung pro Evolution angeführt werden (230ff). Eine These also, deren Widerlegung weder möglich (weil dogmatisch-verschwörungstheoretisch) noch nötig (weil gänzlich unbelegt) ist.
Anders sieht es aus mit den zahlreichen Sachargumenten, die Jason Mason gegen die Evolution zu Felde führt. Diese nämlich lesen sich wie ein Best-Of der bekanntesten und stumpfsinnigsten Pseudoargumente der kreationistischen Gemeinde und zeugen von fundamentalem Unverständnis biologischer Grundlagen. Im Folgenden eine unvollständige, aber repräsentative Auswahl:

  • „Manche Wesen waren in der Vergangenheit größer, also hat es keine Evolution gegeben.“ (z.B. Riesenlibellen, -tausendfüßer, -faultiere, -haie, -schildkröten auf S. 123ff) Die dahinterstehende Überzeugung: Evolution bedeutet permanente und zielgerichtete Höherentwickelung nach dem Motto „Größer, stärker, besser!“ – eine gänzlich antievolutionäre Vorstellung. Evolution verfolgt kein Ziel, immer (nach unseren Maßstäben) großartigere Wesen hervorzubringen, sondern resultiert einzig aus der natürlichen Selektion. Große und starke Wesen brauchen mehr Ressourcen und haben eine langsamere Reproduktionsrate und Generationenfolge – das macht sie nicht zu evolutionären Erfolgsmodellen, sondern eher zu „Luxusprodukten“; bei Umweltkatastrophen sind sie stets die ersten, die aussterben. Auf genau diesem Missverständnis basiert auch Masons Überzeugung, die historische Existenz von Riesen, deren Überreste mutmaßlich in amerikanischen Grabhügeln gefunden wurden, seien ein Beweis gegen die (so ja nie behauptete) lineare Entwicklung des Menschen. Die Authentizität besagter Riesenfunde freilich ist eine andere Baustelle, die ich an dieser Stelle nicht erörtern will – als Argument gegen die Evolution taugen sie freilich nicht.
  • Selbige Grundannahme steht hinter dem Hinweis auf zahlreiche Gebrechen und/oder Schwächen des Menschen (196): „Das bedeutet, dass der Mensch bei weitem nicht so gut an das Überleben in der Natur angepasst ist wie die Affen […]“ – nun, eben deshalb, da wir eine andere ökologische Nische einnehmen als jene. Nach Mason indes müsste ein „höher entwickeltes“ Wesen dem vorangegangenen in jeder Hinsicht überlegen sein, also der Mensch beispielsweise auch besser klettern können, stärker sein etc. als ein Affe – eine Vorstellung, die eher in ein Modell nationalsozialistischen Übermenschentums passt als in die tatsächliche Evolution. Beispiel: Füße können entweder fürs Laufen oder fürs Klettern optimiert sein (was Mason auf S. 196 nicht versteht) – beides zusammen geht nicht oder wäre nur ein Kompromiss, in beide Richtungen nicht perfekt.
  • „Manche Lebewesen haben sich lange Zeit nicht verändert.“ (z.B. 180 Quastenflosser und 183f Schnabeltier) Eine Art entwickelt sich nur dann signifikant weiter, wenn ein Selektionsdruck besteht, etwa durch veränderte Umweltbedingungen – ein Wesen wie etwa ein Hai oder Krokodil, die seit Urzeiten ihre ökologische Nische perfekt ausfüllen, haben keinen Bedarf nach grundlegender Weiterentwicklung, wozu auch?
  • „Es gibt keine Zwischenformen. Wir sehen auch heute keine Wesen, die sich gerade zu anderen weiterentwickeln.“ Kein Lebewesen ist einfach nur „Zwischenform“ auf dem Weg zu einer nächsten Spezies – ein jedes stellt eine überlebensfähige, an ihre Umwelt angepasste Art dar. Das Konzept des „Missing Links“ (ein Wort, das heute fast nur noch von Kreationisten verwendet wird) entsteht überhaupt erst durch die zwangsläufigen Lücken in den Fossilfunden – tatsächlich gab es niemals Lücken oder Sprünge, sondern nur eine stetige Entwicklung. Insofern ist eine jede Art, die nicht direkt ausstirbt, „Zwischenform“ zu einer nächsten – und beobachten tun wir es bei größeren Tieren allein deshalb nicht, weil die Zeiträume des fließenden Übergangs zu groß für unsere Betrachtung sind (abgesehen davon, dass ein Ausschnitt wie „jetzt“ per definitionem keine Entwicklung zeigen kann). Und doch, die „Übergangsformen“, wenn man dieses Konzept unbedingt aufrecht erhalten will, wurden in großer Zahl gefunden – was Jason Mason indirekt auch eingesteht, denn er hält sich lange daran auf, etwa den Archäopteryx sowie sämtliche Urmenschenfossilien (ohne Belege) als Fälschungen zu bezeichnen. Ersterer sei ein manipulierter Dinosaurier (was ist eigentlich mit den ganzen anderen Funden gefiederter Dinosaurier, etwa aus China?), letztere einfach nur Affen oder moderne Menschen. Ignoriert wird natürlich, dass die Funde von Urmenschen (u. a. Australopithecus afarensis, africanus, robustus; Homo habilis, erectus, ergaster, heidelbergensis etc.) inzwischen so zahlreich sind, dass sie längst einen so fließenden Übergang ohne jegliche Zäsur zeigen, dass man kaum eine Art scharf von der nächsten abgrenzen kann, vom „Affen“ Australopithecus bis zum modernen Homo sapiens.
    Pro forma noch einmal eine kleine, unvollständige Auswahl anderer „Übergangsformen“, etwa zwischen Fischen und Amphibien (Panderichthys, Tiktaalik, Acanthostega …), zwischen Landtieren und Walen (Pakicetus, Ambulocetus, Rodhocetus, Indocetus) oder Seekühen (Pezosiren, eine Seekuh mit Beinen).
  • „Wenn Menschen sich aus Affen entwickelt haben, wieso gibt es dann noch Affen?“ Der ultimative Klassikerspruch, um dümmliches Unverständnis zu signalisieren. Niemand behauptete jemals (außer Kreationisten), Menschen hätten sich aus heutigen Menschenaffen entwickelt – diese stellen eine Schwestergruppe dar. Genauso gut könnte man sagen: „Wenn mein Cousin mein Vorfahr ist, wieso gibt es ihn dann noch?“. Weshalb sich aber die neuen Affen oder auch alle anderen Tiere nicht zu menschenartigen Wesen weiterentwickeln? Nun, offenkundig deshalb, weil aktuell kein Selektionsdruck gegeben ist, der etwa eine Entwicklung hin zum vollständig aufrechten Gang (beim Klettern unnütz bis schädlich) oder einem größeren Gehirn (das auch deutlich mehr Energie verbraucht) erzwingen würde.
  • „Mutation bringt niemals nützliche Merkmale hervor, sondern nur Schäden.“ Objektiv falsch, wie beispielsweise das von Richard Lenski an Darmbakterien der Art Escherichia coli durchgeführte Experiment beweist – diese entwickelten allein durch Mutation und einen entsprechenden Selektionsdruck innerhalb von 31.500 Generationen die Fähigkeit, Citrat anstelle von Glucose als Nahrungquelle zu verwenden.

Im vorliegenden Umfang konnten natürlich nur einige der vorgebrachten „Argumente“ berücksichtigt und nur oberflächlich diskutiert werden. Bezeichnend ist indes auch, dass die zahlreichen von der Wissenschaft bislang vorgebrachten Beweise für die Evolution von Mason überwiegend ignoriert (und auch wenn nicht, nur mit platten Behauptungen und Fehlschlüssen beantwortet) werden. Darunter zu nennen wären unter anderem: das Vorhandensein von nutzlosen Rudimenten aus früheren Entwicklungsphasen (z.B. Reste von Hintergliedmaßen bei Walen und Schlangen, Gänsehaut beim Menschen), als Atavismen bekannte deaktivierte, aber genetisch noch vorhandene Merkmale (z. B. der Plan zur Metamorphose beim Axolotl), die homologe Konstruktion von Organen verwandter Wesen nach gleichartigem Grundplan (z. B. die Vordergliedmaßen der Wirbeltiere, die die gleichen Knochen aufweisen, ob bei Mensch, Wal, Fledermaus, Saurier, Vogel oder Amphibium) sowie die nach kreationistischen Kriterien sinnlose bis absurde Konstruktion mancher Organe (z. B. der rückläufige Kehlkopfnerv, der bei der Giraffe entwicklungsbedingt einen unnötigen Umweg von fast fünf Metern macht). Zur näheren Auseinandersetzung mit Beweisen für und scheinbaren Argumenten gegen die Evolution empfehle ich exemplarisch das Werk „Die Schöpfungslüge – Warum Darwin Recht hat“ von Richard Dawkins.

Doch auch wenn die theoretischen Argumente widerlegbar sind – was ist mit den zahlreichen Fundstücken, die Mason anführt, die nicht in die bekannte Chronologie der Erdgeschichte zu passen scheinen? Tatsächlich nennt er etwa 40 solche kuriosen Artefakte, von „300 Millionen Jahre alten“ Metallschrauben, Wagenrad und Eisentopf, einer „200 Millionen Jahre alten Schuhsohle“ und einem 2 Milliarden Jahre alten Atomreaktor bis hin zu Steintafeln mit Darstellungen von Außerirdischen und/oder Dinosauriern.
Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, jedes einzelne Fundstück zu überprüfen, doch schon ein oberflächlicher Blick zeigt eine grundsätzlich mangelhafte Quellenarbeit, ist doch eine ganze Reihe dieser „Beweise“ längst widerlegt:

  • Die immer wieder gerne zitierten Spuren im Paluxy River von Glen Rose, Texas (132ff) etwa, die riesige menschliche Fußabdrücke zusammen mit denen von Dinosauriern zeigen sollen, stellten sich als ausschließlich zu Dinosauriern gehörig heraus, wobei bei einigen durch Erosion der seitlichen Zehen der oberflächlich menschenartige Eindruck entsteht.
  • Die in Bolivien gefundene „Fuente-Magna-Schüssel“ (76ff) soll Zeichen in sumerischer Keilschrift zeigen, wobei auch eine angebliche Übersetzung durchs Internet geistert – als der Keilschrift mächtiger Altorientalist kann ich jedoch versichern, dass die Zeichen mit jener bis auf eine rudimentäre optische Ähnlichkeit rein gar nichts zu tun haben und wohl eher als bloß dekoratives Muster zu betrachten sind.
  • Von den berüchtigten „Steinen von Ica“ aus Peru (92ff), die Darstellungen u.a. von Dinosauriern und chirurgischen Operationen zeigen, sind zumindest einige nachweislich gefälscht, zumal auch die Saurierdarstellungen (etwa mit schleifendem Schwanz) als zoologisch fehlerhaft gelten müssen.
  • Zahlreiche Artefakte (beispielsweise die Michigan-Relikte sowie die Sammlungen von Pater Crespi, aus Ojuelos de Jalisco und der Burrows Cave) sind ohne dokumentierten Fundkontext, was sie als wissenschaftliche Beweismittel zweifelhaft bis wertlos macht.

Soweit der pseudowissenschaftliche Teil des Machwerkes – bleiben jedoch nach wie vor die durchweg verschwörungstheoretischen, radikalchristlichen und offen nationalsozialistischen Aspekte. Eine hervorragende Zusammenfassung all dessen findet sich auf S. 285:

„Die moderne „Wissenschaft“ ist also ein System, das keine echte Wissenschaft, sondern einen Glauben der hebräischen Freimaurerei darstellt, die damit das Christentum bekämpft, wobei die christlichen Nationen, die verschiedenen Menschenrassen und die Moral diesen satanischen Lehren im Wege stehen. Die Freimaurerei will nicht die „Evolution der Seele“ fördern, sondern einen rassisch vermischten Völkerbrei erschaffen, um die große Verwirrung von Babylon wieder aufzuheben. Ziel des Ganzen ist trotzdem ein System der Götzenanbetung wie im alten Babylon und eine leicht zu kontrollierende dumme, hellbraune Sklavenrasse unter der Herrschaft einer auserwählten rassisch-reinen Elite.“

Denn „Im Klartext heißt das, die Rassenmischung stellt eine noch größere Degeneration dar.“ (214). Fast schon nebensächlich fällt da die Erwähnung der berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ (308) ins Gewicht, wobei der antisemitische Aspekt ansonsten eher in den Hintergrund tritt, zumal er ja schon im ersten Band ausgewalzt wurde. Betonung und Verherrlichung der „arischen Rasse“ ziehen sich ganz selbstverständlich durch das ganze Werk, für den historischen Nationalsozialismus indes hat Mason nur gute Worte übrig. Dessen unschöne Taten werden mit keinem Wort erwähnt, gepriesen hingegen die Bemühungen um die Wiedererlangung alten arisch-esoterischen Wissens, wo sich wieder auf das deutsche Ahnenerbe-Projekt und dessen aus der braunesoterischen Literatur einschlägig bekannte Verbindungen zu den uralten Hochkulturen Shambhalla und Agartha unter dem Himalaya bzw. im Inneren der Erde bezogen wird. (Dass hier – u. a. S. 175 – ganz selbstverständlich die Hohlwelt-Theorie rezipiert wird, ist dabei nur ein Aspekt von vielen.) Man könnte noch länger auf dem Nazi-Thema herumreiten, doch soll dem an dieser Stelle genüge getan sein.

Zurückkommen will ich indes noch auf die „Götzenanbetung wie im alten Babylon“, die Herrn Mason von ganz besonderer Wichtigkeit zu sein scheint. So begegnen wir im Laufe des Buches einer ganzen Reihe pseudobabylonischer Gottheiten, die allesamt nicht der tatsächlich babylonischen, sondern vielmehr der christlichen Tradition entstammen:

  • Wieder aufgewärmt wird natürlich die alte Legende von Kindsopfern für den Gott Baal bzw. Moloch (u. a. 145f), wie man sie aus einigen Stellen des Alten Testaments kennt. Unabhängige archäologische oder schriftliche Belege dafür aus den fraglichen Kulturen selbst fehlen bislang.
  • In verschiedenen Kontexten werden mesopotamische Reliefs von Gestalten mit Raubvogelkopf gezeigt und ganz selbstverständlich als Gottheit namens Nisroch betitelt (u. a. 437). Eine solche freilich ist aus dem alten Mesopotamien nicht bezeugt – der Name geht auf eine einzige Erwähnung im Alten Testament zurück, dort jedoch ohne jeglichen Bezug zu den vogelköpfigen Mischwesen. Jene werden vielmehr als Apkallu oder einfach „vogelköpfige Genien“ bezeichnet. Nisroch glaubt Mason nicht zuletzt auch auf den Reliefs von Göbekli Tepe wiederzuerkennen (117).
  • Mason zufolge beten die verschwörerischen Freimaurer nicht nur den Satan an, sondern auch die fischgestaltige Gottheit Dagon, welche somit auch die Irrlehre der Evolution widerspiegelt. Tatsächlich ist eine fischartige Darstellung Dagāns, wie der Gott nach aktuellem wissenschaftlichen Stand tatsächlich hieß, aus dem alten Orient weder literarisch noch ikonographisch bezeugt, sondern vielmehr einer nachantiken Ableitung des Namens von der Wurzel dag („Fisch“) geschuldet, die heute allgemein verworfen wird.
  • Auch die biblische Gestalt des Königs Nimrod taucht immer wieder auf (u. a. 438) und wird als Begründer der babylonischen Religion direkt nach der Sintflut (allein schon ein Anachronismus) dargestellt. Diese Tradition geht natürlich nicht auf babylonische Überlieferungen zurück (keine solche erwähnt einen Nimrod), sondern auf die Theorien des radikalen Pastors Alexander Hislop, der im 19. Jahrhundert die katholische Kirche mit seinem Werk „The Two Babylons“ als heidnische Götzenverehrung darstellte (was schon damals den Erkenntnissen der Wissenschaft widersprach, umso mehr natürlich heutzutage).
  • Immer wieder nebensächlich werden auch Zecharia Sitchins Theorien von den Anunnaki zitiert, dem zufolge die sumerischen Götter hochentwickelte Außerirdische waren und einst die Menschheit schufen. Doch das ist eine andere Geschichte (kleiner Spoiler: Auch hier fehlen hinreichende Textbelege).

Viel und noch viel mehr könnte und müsste geschrieben werden über die zahlreichen anderen Themen, die Mason in seinem zweiten Monumentalwerk anschneidet: Die Annahme weltverändernder Kataklysmen wie der biblischen Sintflut, das Überleben von Dinosauriern bis in die historische Zeit, wo sie als Drachen bekannt wurden, Yeti und Bigfoot, Riesen und langschädelige Außerirdische und natürlich die zahlreichen archäologischen Fundstücke, von denen manche nach offenkundigen Fälschungen aussehen, während andere bar jeden Kontextes wohl für immer rätselhaft bleiben werden. Enttäuscht hat mich indes, dass die im ersten Band noch immer wieder präsenten Reptiloiden diesmal gar nicht vorkamen, von einer nebensächlichen Erwähnung im Nachwort einmal abgesehen – vielleicht ist dies ein einziger Grund, auf einen dritten Teil zu hoffen. Die Riesen wären für sich ein hochinteressantes Thema, doch werden sie hier ja eher nebensächlich behandelt (eine umfassende Darstellung, auf der jede Kritik aufbauen könnte und sollte, stellt Hugh Newmans und Jim Vieiras „Giants on Record“ dar).
Zahlreiche von Mason angeführte Argumente und angebliche Funde bleiben vorerst unwiderlegt, obgleich diese im Angesicht der zahlreichen fachlichen Verfehlungen mit arg beschädigter Glaubwürdigkeit dastehen dürften. Kleinere Sachfehler indes sind Legion, wenn Mason etwa die sumerische Göttin Inana mit ihrem Vater Nanna gleichsetzt (371), eine große Ähnlichkeit der sumerischen mit der ungarischen Sprache postuliert (462) oder ganz einfach von „Rezessionen“ zum Werk Ernst Haeckels schreibt (233). Eine bloße REZENSION indes kann einem solch monumentalen und gleichsam irrsinnigen (Mach)Werk unmöglich gerecht werden. Hinreichend belegt sein dürften hingegen Jason Masons weltanschauliche Ausrichtung (kreationistischer Nazi mit Hang zu multiplem Aberglauben), seine Fachqualifikation (keine) und seine Methodik (alles irgendwie Kuriose ohne jegliche Quellenkritik aufgreifen und ideologisch passend umdeuten). Kulturwissenschaftlich ist das Werk zweifelsohne interessant, dokumentiert es doch wie kaum ein zweites die fruchtbare Symbiose von Kreationismus, Nationalsozialismus und jeder anderen Form von Pseudowissenschaft mit all ihren charakteristischen Mechanismen moderner Mythologie. Beim ersten Band noch fungierte offiziell der (u. a. für seine Thesen zu jüdischen Weltverschwörungen und Bündnissen zwischen Nazis und Außerirdischen) bekannte Verschwörungstheoretiker Jan Udo Holey / Jan van Helsing als Herausgeber und steuerte sogar das Vorwort bei – entgegen allen Erwartungen schaffte es Jason Mason mit seinem zweiten Werk sogar, jenen an Wahn und Extremismus zu überbieten. (Meine zuvor aufgestellte Theorie, der anonyme Jason Mason könnte eine Kunstfigur Holeys sein, bekommt Risse, da dieser in seinen vorigen Büchern deutlich raffinierter und subtiler vorging als Mason – es sei denn, es ging bei den MiB-Büchern entweder um eine sichere Distanzierung vom nun noch extremeren Inhalt oder um die Erschließung eines noch radikaleren Klientels …) Auf jeden Fall, so meine Schätzung, dürfte Jason Mason mit diesem Buch eine verheerende Saat ausgebracht haben – durch die zahlreichen genannten „Beweise“ und Scheinargumente für unkritische Leser weit glaubwürdiger und ideologisch gefährlicher noch als der erste Teil.

Anmerkung: Auf Amazon erschien diese Rezension aufgrund der dortigen Zeichenbegrenzung in einer leicht gekürzten Fassung.

Nasreddin Hodscha – 666 wahre Geschichten

Nasreddin Hodscha. Im Westen, wenn überhaupt bekannt, charakterisiert man ihn bisweilen als „orientalischen Eulenspiegel“, die türkische Überlieferung hingegen beansprucht ihn als eine Art unveräußerlichen Nationalhelden. Unrecht haben beide – ist der Hodscha doch nicht nur weit älter, sondern auch weiter verbreitet und vor allem viel zu vielfältig, als dass man ihn mit solch engen Begrifflichkeiten fassen könnte. Der gesamte islamische Kulturraum – und längst nicht mehr nur dieser – kennt ihn als Protagonisten unzähliger witzhafter Anekdoten, die einerseits bis ins Mittelalter zurückgehen, gleichsam aber sich jeder neuen Zeit anpassen und ständig von neuem entstehen. Die ältesten Geschichten handeln dabei gar nicht einmal von ihm selbst, heißt der ab dem 7. Jahrhundert bezeugte arabische Tölpel hier doch noch Dschuha – nur eine von vielen ursprünglich eigenständigen Überlieferungen, die der wachsende Mythos Hodscha nach und nach an sich zog. Während der Hodscha in den Schwänken des 19. und 20. Jahrhunderts sogar als eine Art Weisheitslehrer auftritt, ja auf jeden Fall immer wieder durch bemerkenswerte Bauernschläue auffällt, ist Dschuha noch ein ganz anderes Kaliber: Nicht nur in einem Maße tölpelhaft, dass es ins Absurde geht, sondern, mehr Regel als Ausnahme, gar grotesk bis pervers in seinen Umtrieben.
Das Buch „666 wahre Geschichten“, herausgegeben von dem renommierten Orientalisten Ulrich Marzolph, versucht schließlich, diese ganze über tausendjährige Tradition zu umreißen. In einer informativen Einleitung führt jener in die eben genannten historischen Hintergründe ein, was die Vielfalt der Überlieferungen erahnen lässt. Der Rest des Buche gehört den Hodscha-Anekdoten selbst – tatsächlich nicht mehr oder weniger als ganze 666 Stück, wie schon der Titel verspricht. Enttäuscht wird auf jeden Fall, wer nur erbauliche Anekdoten und anständige Lebensweisheiten erwartet – denn der Hodscha entspricht so gar nicht dem Bild, das man sich gemeinhin von „klassischer Literatur“ macht, und schon gar nicht der mit Mittelalter und Islam assoziierten Prüderie. „Volkstümlich“ sind die Geschichten vom Hodscha, was oft genug nichts anderes meint als vulgär. Gerade die älteren Dschuha-Anekdoten nehmen kein Blatt vor den Mund und zelebrieren geradezu sexuelle und fäkale Aspekte. Bei der Redewendung „Nasreddin und sein Esel“ mag man ausgehend von der modernen Tradition noch an die witzige Geschichte denken, in der der Protagonist falsch herum auf seinem Reittier sitzt – nun ja, nach der Lektüre des Buches dürfte man vor allem andere Assoziationen damit verbinden. Politische Korrektheit war ein Fremdwort in der vor allem älteren Hodscha-Tradition, wo geschmacklose Sprüche angesichts des Todes von Familienmitgliedern noch das Harmloseste sind. Der Hodscha macht weder Halt vor Herrschern wie dem mächtigen Timur, der in diversen Anekdoten auftaucht, noch vor religiöser Pietät, wenn er Minarette als „Pimmel der Stadt“ bezeichnet und den Gottesdienst in vielfältiger Weise stört. Wenig schonungsloser als der Inhalt ist die vorliegende Übersetzung, die ohne Skrupel den umgangssprachlichen bis vulgären Charakter des Originals wiedergibt.
Für den wenig verklemmten Leser mögen gerade diese drastischen Episoden ihren Reiz haben – doch natürlich kommt auch der „anständige“ Hodscha der überwiegend jüngeren Tradition nicht zu kurz. Dort tritt er mal als Tölpel, mal als Weiser mit breiter Schülerschaft auf, dessen Wege und Worte mal herausragend dumm, mal allzu schlau sind – auf jeden Fall aber unkonventionell.
So skizziert „666 wahre Geschichten“ letztlich die faszinierende Entwicklung einer volkstümlichen Gestalt über mehr als tausend Jahre und zahlreicher Länder hinweg. Positiv hervorzuheben ist nicht zuletzt die Kombination aus populärer Lesbarkeit und fachlicher Qualität – die Einleitung beschreibt präzise, aber nicht zu trocken die Rahmenbedingungen, während der Anhang die genauen Quellen sämtlicher Anekdoten auflistet, sodass der Hauptteil dem ursprünglichen Zweck gewidmet bleibt: Kuriose Unterhaltung, zwar kulturhistorisch interessant, doch auch heute noch oft lustig bis verstörend.

Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter

Göbekli Tepe: 9600 v. Chr. errichtet, älteste Megalithanlage der Welt, die Erbauer und ihre Absichten noch immer unbekannt – welches vorzeitliche Monument könnte prädestinierter sein für grenzwissenschaftliche Spekulationen? Es überrascht wenig, dass im einschlägig bekannten Kopp-Verlag (in dessen Programm Erich von Däniken noch so ziemlich das vernünftige Ende des Spektrums darstellt) ein Buch nur über dieses Thema erschien, „Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter“ von Andrew Collins.
Was dann aber für deutlich größere Überraschung sorgt, beginnt man das Buch zu lesen, ist die doch unerwartet hohe Seriosität des Werkes. Obgleich der Klappentext schon mit den berüchtigten Anunnaki wirbt, jenen Göttern von einem anderen Planeten, die zahlreichen pseudowissenschaftlichen Publizisten zufolge einst die Menschheit erschufen, sucht man Außerirdische doch letztlich vergeblich. Mehr noch – alles, was Collins in seinem Buch postuliert, liegt durchaus noch im Bereich dessen, was nach bisherigen Erkenntnissen durchaus so hätte gewesen sein können. Und obgleich der Grenzwissenschaftler Graham Hancock das Vorwort verfasste, obwohl Collins selbst schon manch andere kontroverse Bücher veröffentlichte – nicht einmal eindeutige Behauptungen betreffend vorzeitliche Hochkulturen werden gemacht, weder Atlantis noch Ancient Aliens. Doch was besagt das Buch nun wirklich, wie ist es zu bewerten?
Der erste Abschnitt beginnt zunächst mit einer einigermaßen umfassenden und allgemeinverständlichen Darstellung der Funde am Göbekli Tepe, an der sich wissenschaftlich eigentlich nichts aussetzen lässt. Collins Quelle ist dabei hauptsächlich das auf Deutsch unter dem Titel Sie bauten die ersten Tempel erschienene Buch des Chefausgräbers Klaus Schmidt, die praktisch alternativlose Standardpublikation also – bezeichnend auch, dass man das in den Grenzwissenschaften so beliebte Wissenschaftler-Bashing bei Collins vergeblich sucht. Noch in anderer Weise zeigt dieser überraschende Professionalität, belegt er doch jede wichtige Information mit Quellenangaben – direkt mit Fußnote und Seitenangabe, nicht nur in Form einer bloßen Bibliographie ohne konkrete Bezüge wie bei den meisten Autoren des Genres. So scheinen denn auch die Sachaussagen durchweg weitgehend stimmig zu sein – zumindest fielen mir spontan keine direkten Fehler oder offensichtlich unseriöses Gedankengut auf (besonders gut zu beurteilen, da ich das viel zitierte Buch von Klaus Schmidt kurz zuvor las).
Nach dieser oberflächlichen Darstellung beginnt Collins damit, Stück für Stück seine Theorien auszubreiten. Diese lassen sich etwa wie folgt zusammenfassen: Gegen 10 900 v. Chr. verursacht ein Meteoriteneinschlag einen rapiden Temperatursturz, in der Wissenschaft als Jüngere Dryaszeit bezeichnet – tatsächlich handelt es sich dabei nicht bloß um neokatastrophistisches Gedankengut unseriöser Pseudowissenschaftler, sondern um ein in der Wissenschaft ernsthaft diskutiertes Modell. In jenen letzten Jahrtausenden des Jungpaläolithikums breitet sich die sogenannte Swiderische Kultur aus, deren Vertreter gegen 9 600 v. Chr., am Ende der Jüngeren Dryas, bis ins südöstliche Anatolien vorstoßen und dort, unterstützt durch die Etablierung einer neuen Art von Religion, die Errichtung Göbekli Tepes initiieren. Jene fremden Kulturbringer, die sich auch etwa in der Schädelform von örtlichen Zeitgenossen unterschieden, seien schließlich auch als die Anunna(ki) der mesopotamischen und die „Wächter“ der jüdisch-henochischen Tradition in Erinnerung geblieben.
Zunächst fällt also auf, dass Collins auf alle offensichtlich phantastischen Hypothesen verzichtet – es ist ein Modell, wie es durchaus hätte gewesen sein können. Doch ist es das auch? Am meisten zu kritisieren ist das Vorgehen Collins‘, Analogien oder gar direkte Verbindungen zu zahlreichen räumlich und zeitlich weit entfernten Kulturen anzunehmen und daraus Schlussfolgerungen abzuleiten. Gerade die Rekonstruktion der Religion steht dabei auf besonders tönernen Füßen, werden hierbei doch Verbindungen bis hin zur ägyptischen oder nordischen Mythologie sowie natürlich der Bibel bemüht. Einen besonderen Stellenwert, gerade im letzten Teil des Buches, nimmt der legendäre Garten Eden ein, welcher der biblischen Darstellung zufolge durchaus im fraglichen Gebiet verortet gewesen sein dürfte – diese Lokalisierung zwar belegt Collins plausibel, nicht aber die tatsächliche Verbindung der steinzeitlichen Ereignisse zu dem viel jüngeren Mythos. Auch die Verbindung zu den Anunnaki und Wächtern, deren Geschichten bekanntlich viele Jahrtausende nach der Zeit von Göbekli Tepe aufgezeichnet wurden, ist damit trotz manch erstaunlicher Korrelationen bestenfalls spekulativ.
Es besteht kaum ein Zweifel, dass sich mythische Traditionen mündlich auch über sehr lange Zeit in wiedererkennbarer Form halten können – so zeigte etwa der Hethitologe Volkert Haas plausible Verbindungen etwa zwischen armenischen Volkssagen und den über zwei Jahrtausende älteren hurritischen Mythostexten auf. Doch fehlen diese viel früheren Schriftzeugnisse – wie im Fall des steinzeitlichen Göbekli Tepe – und muss man sich dementsprechend auf bloße bildliche Darstellungen verlassen, so ist eine derartige Verbindung zwar immer noch nicht ausgeschlossen, sehr wohl aber außerhalb jeder seriösen wissenschaftlichen Nachweisbarkeit. All die mythologischen Annahmen in Collins Werk bewegen sich also auf rein spekulativer Basis und sind de facto wissenschaftlich wertlos – womit sich auch die postulierten Beweggründe für die Errichtung von Göbekli Tepe erledigen. Wieder einmal kann man die naheliegende Faustregel bestätigt sehen, dass konkrete Thesen zur Religion in der Steinzeit, egal aus welcher Ecke vorgebracht, letztlich immer in unbelegbarer Pseudowissenschaft münden. Als eine solide, empirisch zugängliche Angelegenheit ist die mutmaßliche Verbindung zwischen dem anatolischen Epipaläolithikum und dem swiderischen Kulturkreis zu sehen, wo Collins‘ archäologische Beweisführung plausibel wirkt, obgleich ich die letztendliche Wahrheit mangels Fachwissen nicht beurteilen kann.
Herausstechend kurios nimmt sich dagegen ein einziger weiterer Aspekt aus, dem im späteren Verlauf des Buches viel Aufmerksamkeit gewidmet wird: Collins‘ Suche nach einem alten Kloster im Umland der mythisch aufgeladenen Gegend, das er – buchstäblich und in vollem Ernst – im Traum gesehen haben will. Am Ende findet er auch die Reste eines solchen, die mit den Erwartungen aus der „Vision“ und den sonstigen Recherchen konform gehen. In diesem Kontext wird Collins auch sehr pathetisch – die Suche nach „Eden“ scheint nicht zuletzt eine sehr persönliche, man könnte sagen selbstfinderische Dimension gehabt zu haben. Ob wir es hier mit einem großen, glücklichen Zufall oder nicht vielmehr einer späteren Erfindung des prophetischen Traums zu tun haben, kann wiederum nur spekuliert werden.
So ist „Göbekli Tepe – Die Geburt der Götter“ schließlich ein ziemlich widersprüchliches, auf jeden Fall aber unkonventionelles Buch. Trotz des einschlägigen literarischen Umfeldes erhebt sich Collins doch in seiner Professionalität deutlich über andere Grenzwissenschaftler: Weder Adaption noch offene Sympathie lässt er etablierten Themen und Klischees der Pseudowissenschaft wie Aliens, verschollenen Hochkulturen etc. zukommen, während er zugleich eine wohl fundierte Textarbeit mit guter Quellendokumentation vorweist. Ohne Zweifel hat Collins eine Masse an Literatur gesichtet und einen gewaltigen Haufen interessanter Sachverhalte in Eigenarbeit zusammengetragen, darunter auch allerlei durchaus bemerkenswerte Verbindungen aufgetan. Auf der anderen Seite stehen de facto unhaltbare Ableitungen aus viel zu entfernten Kulturen, worauf weite Teile der Theorien gerade zur Religion in der Vorzeit aufbauen. Ebenso sind die mutmaßlichen Ursprünge so beliebter Überlieferungen wie von den Anunna(ki), den Wächtern und dem Garten Eden zwar faszinierend, der anzunehmende Überlieferungsweg aber letztlich doch konstruiert und unbelegt. Collins lässt keinen Zweifel daran, dass sein Ansinnen maßgeblich von Wunschdenken getrieben ist, was letztlich in der Sache mit dem erträumten Kloster gipfelt. Bei allen Mängeln ist es im Endeffekt aber durchaus ein Buch, das man als kritischer Konsument mit Gewinn lesen kann, zeigt es doch allerlei interessante Phänomene und Denkanstöße auf, dessen Kernthesen aber letztlich Glaubenssache – sprich: Pseudowissenschaft – bleiben.

Phantastische Wissenschaft

Im Bermudadreieck verschwinden regelmäßig Flugzeuge. Der afrikanische Stamm der Dogon kannte schon vor Jahrhunderten den genauen Aufbau des Sirius-Systems. Und die alten Ägypter hatten schon Glühbirnen.
So manche mal mehr, mal weniger plausibel scheinende Theorien wurden bereits publiziert – und bleiben, obgleich unwissenschaftlich, oft unwidersprochen. Zu der weit übersichtlicheren Menge kritischer Literatur gehört indes das Werk „Phantastische Wissenschaft“ von Markus Pössel, eine gnadenlose Replik gegen die Thesen gleich zwei grenzwissenschaftlicher Autoren: Erich von Däniken und Johannes von Buttlar. Ersterer publiziert bekanntlich über Außerirdische, die unsere frühen Vorfahren besucht haben sollen, letzterer über alles Mögliche von UFOs bis zur angeblichen Überwindung des Alterns selbst. Allerdings geht Pössel in seiner Kritik gar nicht auf das gesamte Werk der beiden ein – das wäre schon allein praktisch unmöglich. Vielmehr pickt er sich eine Handvoll Aspekte heraus, die quasi exemplarisch für die jeweiligen Arbeitsmethoden der Autoren stehen können, und diskutiert diese umso ausführlicher.
Erstes Thema sind die sogenannten „Glühbirnen von Dendera“, eine Gruppe von ägyptischen Reliefs mit bemerkenswerter Ähnlichkeit zu moderner Technologie – die doch tatsächlich, studiert man umliegende Inschriften und vergleichbare Darstellungen, nur den Sonnenlauf des Gottes Harsomtus darstellen. Auch die sogenannten „Batterien von Bagdad“, die tatsächlich keine Batterien sind, werden bei dieser Gelegenheit behandelt. Das zweite Kapitel widmet sich eingangs erwähnten Dogon, denen ein schier überirdisches Wissen über den Stern Sirius nachgesagt wird. Wie wir aber bald erfahren, ist auch dies ein Mythos – die Angaben wurden aus dem Kontext gerissen, deutlich widersprechende Aspekte nicht beachtet und schließlich ist sogar die Quelle massiv fehlerbehaftet. Unter dem Stichwort „Evolution und Kreationismus“ geht Pössel anschließend Tendenzen der von Däniken geprägten Prä-Astronautik nach, die menschliche Evolution falsch zu verstehen, zu kritisieren und zugunsten einer Form von „Intelligent Design“ abzulehnen. Bei dieser Gelegenheit gibt es zunächst einen umfangreichen Crashkurs der allgemeinen Grundlagen der Evolutionstheorie, wohl fundiert und verständlich, der die Diskussion des Objekts zwar deutlich ausbremst, den meisten Lesern aber ganz allgemein positiv zur Bildung gereichen dürfte. Auch was Johannes von Buttlar angeht, kommen genau drei Themen zur Sprache: Das angebliche Verschwinden von Flugzeugen im Bermudadreieck, anhand des wohl berühmtesten Falls penibel rekonstruiert und widerlegt, das grundsätzliche Problem von Augenzeugenberichten gerade in Hinblick auf UFO-Sichtungen – wie bei der Evolution auch hier mehr allgemein als spezifisch, aber trotzdem umso lehrreicher – und schließlich die Physik von schwarzen Löchern. Bei letzterem geht Pössel tatsächlich nur nebensächlich auf Buttlar ein, wofür die vorangehenden ausführlichen Erläuterungen, zumal für Laien wohl teils schwer verständlich, nicht wirklich notwendig sind.
Beachtlich ist allein schon, dass der Autor gleichsam die Ägyptologie, Evolutionsbiologie und Astrophysik publizierfähig zu beherrschen scheint. Die Argumentationen indes sind sachlich und mehr als umfassend, wobei sie gerade von der so eingeschränkten Auswahl der Themenschwerpunkte profitieren. Was man eben nicht erwarten darf, ist eine akribische Dekonstruktion eines jeden Themas und Arguments, das die behandelten Autoren je vorgebracht haben, dafür reichen Umfang und Schwerpunktsetzung nicht. Zwar sind es damit letztlich nur eine Handvoll konkrete Sachverhalte, die Pössel behandelt, doch die zeigen bereits – einerseits exemplarisch, andererseits durch Vermittlung ganz fundamentalen Grundwissens der modernen Wissenschaft – mehr als deutlich die chronischen Probleme der Grenzwissenschaftler, von unprofessioneller Quellenarbeit und fehlender Fachqualifikation bis hin zu mutmaßlich direkter Desinformation. Mit Ausnahme des letzten ist jedes Kapitel ausnehmend lehrreich und hochinteressant für jeden kritischen an der Grenzwissenschaft interessierten Leser, nicht nur auf Däniken und Buttlar bezogen, sondern als intellektuelles Rüstzeug der gesamten Pseudowissenschaft gegenüber. Schade, dass dieses Buch nicht Anfang einer Reihe ist.